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„Spiegel“-Kommentar : Gold spinnen

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Im Eingangsbereich des „Spiegel“-Verlagsgebäudes: „Sagen, was ist“, der vielzitierte Leitspruch Rudolf Augsteins Bild: Henning Bode

Das Risiko beginnt beim Tonfall, wenn der Regen gegen die Kaimauer peitscht: Die Besessenheit davon, statt Nachrichten „Stories“ zu verfassen, verführt zum laxen Umgang mit der Wahrheit.

          Der Journalismus unterliege, wie alles, der „Gebrechlichkeit der Welt“. Dies ließ uns, mit dem Hinweis, das Wort stamme von Kleist, soeben der „Spiegel“ in seiner ersten Erklärung zum Geschichtenerfinder Relotius wissen. Schon wieder allerdings versagte die Hamburger Dokumentationsabteilung, die angeblich alle Tatsachenbehauptungen des Magazins auf ihre Korrektheit hin überprüft. Denn Kleist hatte im „Michael Kohlhaas“ wie in der „Marquise von O.“ von der „gebrechlichen Einrichtung der Welt“ gesprochen, was gewiss nicht auf die Binse mit der Fehlbarkeit des Menschen hinausläuft, für die er hier zitiert wurde.

          Zuvor waren sich in der Geschichte über den lügenden Reporter „Glanz und Elend im Leben des Claas Relotius“, und zwar „um 3.05 Uhr in deutscher Nacht“, einmal „ganz nah“ gekommen, weil den Tatsachenfälscher just siebzehn Stunden vor der Reporterpreis-Verleihung eine E-Mail erreicht habe, die seinen Darstellungen aus Sicht der Dargestellten widersprach. Der Kollege wiederum, der seine Vorgesetzten beim „Spiegel“ offenbar lange vergeblich auf den Erfindungsreichtum von Relotius aufmerksam gemacht hatte, ging „drei, vier Wochen lang durch die Hölle“. Außerdem erfahren wir noch die Zimmernummer des Büros von Relotius und namentlich, wer ihm „auf den Kopf“ zugesagt hat, dass ihm nicht mehr geglaubt werde; wer zuvor jenen misstrauisch gewordenen Kollegen durch die Hölle gehen ließ, erfahren wir nicht; dafür aber, dass im Eingangsbereich des Redaktionsgebäudes an der Wand stehe „Sagen, was ist“ und dass das gelte. Alle Nachrichten im „Spiegel“ müssten unbedingt zutreffen.

          „Das gilt. Es ist Verpflichtung. Wort für Wort.“ Wie der „Spiegel“ diese Verpflichtung operationalisiert? Man freue sich, schreibt der Chefredakteur, als Ressortleiter dort immer, wenn man Texte wie die von Relotius bekomme, „über die gute Ware“ und beurteile sie „nach handwerklichen Kriterien“, als da genannt werden: Dramaturgie (nachts kommt das Elend kurz vor der Glanzverleihung) und Stimmigkeit der Sprachbilder („Gebrechlichkeit“, „durch die Hölle gehen“). Dramaturgen sollten protestieren. Soll man es nicht besser einen Soundcheck nennen? Zu ihm gehört auch, dass „exakte Zahlen die Glaubwürdigkeit des Geschriebenen erhöhen“ (3.05 Uhr, Zimmer 09-161), auch wenn sie gar nichts zur Sache beitragen.

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          Wie es ja überhaupt, nach der Formulierung des Reporterpreis-Gründers, der auch vom „Spiegel“ kommt, entscheidend zu sein scheint, als Journalist „glaubwürdig rüberzukommen“ und von den Reisen „eine gute, wahre Geschichte mitzubringen“. Aus solchem Stoff, heißt es in der Geschichte über den Geschichtenerzähler im „Spiegel“, seien „die ganz großen Geschichten gemacht“: In ihnen ziehe „sich die Gegenwart einmal auf ein lesbares Format zusammen, große Linien der Zeitgeschichte werden fassbar, und schlagartig wird das Große ganz menschlich verständlich. Wer als Reporter über solches Material verfügt und wer Talent hat für Dramaturgie, kann daraus Gold spinnen wie im Märchen.“

          Nicht der Ton sei problematisch, sondern die Fälschung, heißt es. Das ist falsch, denn die Fälschungsanfälligkeit beginnt beim Ton. Beim hohen Ton, in dem allen Ernstes die Hybris vorgetragen wird, man könne die großen Linien der Zeitgeschichte mitunter auf vier „Spiegel“-Seiten zusammenziehen. Wer glaubt, die Gegenwart werde durch Geschichten („Stories“) über Menschen (den lügenden Reporter, den durch die Hölle gehenden Kollegen, die Ressortleitung, den Reporterhelden, der wahre Geschichten mitbringt, die noch dazu spannend sind – oder spannende, die noch dazu wahr sind?) ganz menschlich verständlich, für den hat Hans Magnus Enzensberger vor mehr als sechzig Jahren einen guten Text geschrieben. Die Form der Story, so der Befund von „Die Sprache des Spiegels“ 1957, verwandele alle Nachrichten „in ein pseudoästhetisches Gebilde, dessen Struktur nicht mehr von der Sache, sondern von einem sachfremden Gesetz diktiert ist.“ Nämlich von dem der Unterhaltung. Die Story, nicht die Nachricht, bedürfe eines Anfangs und eines Endes; die Story, nicht das Argument, bedarf einer Handlung und eines Helden. „Die Anekdote bestimmt die Struktur einer solchen Berichterstattung; die Historie wird zum Histörchen.“

          Man schreibt also nicht über Argumente, Ideen und Interessen, sondern über Menschen, die sie angeblich haben, und darüber, wie sie so sind, diese Menschen, wie sie aussehen und wie sie wohnen, wo man sie getroffen hat, wie gefährlich oder wenigstens exotisch es war, sie überhaupt zu treffen, und dass der Wind gegen die Kaimauer peitschte, als Glanz und Elend nachts im Zimmer Nr. soundso zusammenkamen. Solange man aber so schreibt, weil man so denkt, wird der Fall Relotius nur zu Appellen an das Gewissen und zu Verurteilungen der Gewissenlosen führen. An der Sache selbst, dem Storytelling-Kitsch, wird sich nichts ändern.

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