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Medizin und Big Data : Ist das die Zukunft der Medizin?

Lange genug Ideal: der genormte Mensch, wie ihn Leonardo da Vinci 1490 als Vitruvianischen Menschen sah Bild: Imago

Lauter Wohlgefühl und eine Zukunft ohne Kränkelei? Über die Utopien der digitalisierten Präzisionsmedizin, menschenwürdig steinalt zu werden.

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          Dass der Fortschritt der Technik leider eine „unvorbereitete Menschheit“ treffe, wie das der Philosoph Hans Georg Gadamer vor Jahrzehnten diagnostizierte, um seine Sorge über die krankheitsfixierte medizinische Wissenschaft auszudrücken, muss man wohl als einen Grund dafür akzeptieren, dass die Dinge immer wieder ins Stocken geraten, obwohl doch nicht zuletzt die Corona-Pandemie deutlich werden ließ, wie gesundheitsfixiert der Mensch längst geworden ist. Ändern lässt sich das kaum. In den kommenden zehn Jahren wird eine weitere Milliarde Menschen diesen Planeten bevölkern, und gleichzeitig wird die Hälfte dieses Zuwachses aus Menschen bestehen, die älter als fünfzig Jahre sind. Überhaupt nehmen die Gesundheitsrisiken zu. Unvorbereitet trifft uns dies zumindest nicht.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Was die Medizin angeht, wachsen damit die Ansprüche – an sich selbst und die der Patienten nicht minder. Die Hoffnung, eine lang währende Gesundheit wissenschaftlich beherrschbar zu machen, wird nicht geringer. Das treibt den Fortschritt. Und jeder Widerstand, sei er mit der Forderung herangetragen, nach alter Heilkunstmanier nicht nur den Leib, sondern auch die Seele zu ihrem Recht kommen zu lassen, oder aus dem nachvollziehbaren Wunsch nach mehr teilhabender „sprechender Medizin“, scheint in diesen Tagen von der beispiellosen Expansion des medizinischen Wissens und ihrer Technik überrollt zu werden. Nach der molekularen Revolution ist es die Utopie einer endgültig rationalisierten Datenmedizin, die mehr Präzision, mehr Subjektivität und also mehr Gesundheit für jeden verspricht. Auch ihr Fortschreiten ist unvermeidlich. Nicht, weil die Menschen immer noch alt und krank werden oder sterben, was auch mit der progressivsten Heilkunst nicht zu verhindern ist, sondern weil sie einer Logik folgt. Es ist die Logik des naturwissenschaftlichen Heilens, die hier zu Ende geführt wird. Der Mensch wird final von jedem Rest Mythologie befreit und entdeckt zugleich sein tiefstes Inneres. Viel tiefer als sich selbst viele Ärzte das heute vorstellen können.

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