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Tutanchamuns Körper wird ausgestellt : Ehe sein Gesicht zu Puder zerfällt

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Beispielloser Akt: Tutanchamun, dem berühmten Pharao, wurde die Königsmaske abgenommen Bild: dpa

Seit Sonntag wird der Körper des berühmten Kindpharaos Tutanchamun in einer Seitenkammer seines Grabs zur Schau gestellt: eine Leichenschändung im Namen von Wissenschaft und Kultur. Von Dieter Bartetzko.

          In diesen Tagen sprengt Schaulust neuerlich die Grenzen des Anstands und der Pietät: In Mannheim und Karlsruhe sind in Großausstellungen Dutzende von Mumien schutzlos den Blicken von Besuchermassen ausgesetzt. Im Oktober dieses Jahres, anlässlich des zwanzigsten Todestags von Uwe Barschel, brachte die Frage, ob im Fall des ehemaligen Ministerpräsidenten Selbsttötung oder Mord vorliegt, schockierend drastische Fotos der Leiche in die Medien. Momentan liegt in allen deutschen Buchhandlungen eine Publikation über Rosemarie Nitribitt aus, die - Anlass ist hier der fünfzigste Todestag - eine Schwarzweissfotografie des grauenerregend entstellten Leichnams der ermordeten Nobelprostituierten enthält, dazu eine farbige Aufnahme ihres Schädels, der in einer Glasvitrine die Attraktion des Asservaten-Museums im Frankfurter Polizeipräsidium ist.

          Es ist gerade vier Monate her, dass die Sensationsmeldung, man habe die Mumie der legendären Pharaonin Hatschepsut identifiziert, mit den Fotografien eines mumifizierten Gesichts illustriert wurde, in dem abstoßende Risse und Löcher klafften. Nun ist Tutanchamun an der Reihe, jener Pharao, den die Welt kennt. Seit zwei Tagen liegt sein Körper, bar aller Mumienbinden, in einer allseitig einsehbaren Glasvitrine in der Sargkammer seines Grabs im Tal der Könige. Gestern prangte sein versehrtes Gesicht auf den Titelseiten vieler internationaler Zeitungen.

          Gibt es ein Recht, ihm „ins Gesicht zu schauen“?

          Damit sind achtzig Jahre Grabesruhe beendet, die dem König nach der Autopsie seiner Mumie im Jahr 1927 vergönnt waren. Zweimal, einmal wegen Röntgenuntersuchungen in den sechziger Jahren und im Januar 2005 zwecks einer Computertomographie, wurde diese Ruhe gestört. Danach aber hatte man den Pharao, gemäß einem Beschluss der Entdecker, wieder in einen der drei Särge gebettet, die ihn dreitausend Jahre lang umschlossen hatten. So lag der rätselhaft jung Gestorbene in seinem Sarkophag. Eine Glasplatte ermöglichte den Blick auf das nach altägyptischem Ritus vergoldete Abbild in Gestalt des Totengottes Osiris.

          Zahi Havass, Ägyptens oberster Verwalter der Altertümer und Leiter der jetzigen Aktion, begründet sie mit dem Schutz des Körpers vor Feuchtigkeitsschäden infolge der Besuchermassen. Bemerkenswert deutlich spricht er auch davon, noch mehr Touristen anlocken zu wollen, und von deren Recht, dem Herrscher „ins Gesicht zu schauen“. Was aber sieht man? Ein Antlitz mit geschlossenen Augen, die Nase gebrochen infolge der straffen Wicklung der Mumienbinden, der ehemals volllippige Mund durch das Natron der Mumifizierung ausgedörrt und über die breiten vorderen Schneidezähne zurückgezogen. Risse überziehen wie ein Spinnennetz die Gesichtshaut, die Gliedmaßen sind von pergamentdünner ledriger Haut überzogene Knochen. Einzig die Zehen bleiben als auffallend schlank und wohlgeformt erkennbar. Erschreckend aber ist das undurchdringliche Schwarz des Körpers - eine Entstellung durch die Überfülle an Salbölen, die altägyptische Priester über die Mumie gegossen hatten. Sie verharzten zu steinähnlicher Konsistenz und verätzten den Körper des Pharaos, bis er nahezu verkohlt war.

          1927 wurde sein Körper noch pietätvoll geschützt

          Howard Carter, der Entdecker Tutanchamuns, sah anderes. Seine Berichte, unmittelbar nach Auswickeln der Mumie niedergeschrieben, sprechen von einem zartgliedrigen Jüngling mit bezaubernden Zügen, dessen wohlgeformten rasierten Hinterkopf eine perlenbestickte Haube bedeckt. Zur Verzauberung des Archäologen hatten Details beigetragen, die ihm während des Auswickelns ins Auge gefallen waren: Hauchfeine kostbare Tücher bedeckten das Gesicht jedes der drei Mumiensärge; über der berühmten goldenen Totenmaske mit den porträthaften Zügen lag ein weiterer Schleier samt einem Kranz aus Blüten, niedergelegt von der jungen Witwe.

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