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Türkische Satire : Wir müssen weitermachen, jetzt erst recht

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Sonderausgabe: Die Zeitschriften „Leman“, „Penguen“ und „Uykusuz“ setzen in der Türkei ein Zeichen. Bild: dpa

In keinem muslimisch geprägten Land war die Anteilnahme nach den Morden an den Zeichnern von „Charlie Hebdo“ so groß wie in der Türkei. Dort titelten die Satireblätter mit „Je suis Charlie“ – in Schwarz.

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          Tuncay Akgün ist immer noch erschüttert. „Es fühlt sich so an, als hätte man einen Anschlag auf uns verübt“, sagt der Herausgeber und Zeichner des wöchentlich erscheinenden türkischen Satiremagazins „Leman“. Er kannte sie alle persönlich, die ermordeten Karikaturisten von Paris. „Charb, Cabu, Tignous und Wolinski waren unsere Freunde, und sie interessierten sich sehr für die politischen Verhältnisse in der Türkei.“ Akgün war während des Anschlags auf „Charlie Hebdo“ zufällig in Paris. Er hat die Trauer und Verzweiflung miterlebt. „Durch diesen barbarischen Akt haben wir so viele begnadete Künstler verloren. Sie kämpften ein Leben lang für die Presse- und Meinungsfreiheit. Es waren Künstler, die in ihren Zeichnungen eine enorme Energie und Lebensfreude ausstrahlten“, sagt Akgün. Vor allem mit Georges Wolinski, seinem Vorbild, verband ihn eine tiefe Freundschaft. 2002 waren der französische Cartoonist und sein Team nach Istanbul gekommen, um mit den Kollegen von „Leman“ ein gemeinsames Satiremagazin herauszubringen. Es war nicht die einzige Reise.

          Der Trauermarsch in Paris, an dem auch er teilnahm, sei sehr bewegend gewesen, sagt Akgün. Er habe ihn an die Beisetzung von Hrant Dink erinnert, dem armenischstämmigen Journalisten, der vor acht Jahren in Istanbul ermordet wurde. Dink, der sich für eine tolerante und demokratische Türkei eingesetzt hatte, war von einem fanatischen Nationalisten erschossen worden. In keinem anderen muslimisch geprägten Land war die Anteilnahme für die Opfer von Paris so groß wie in der Türkei. So veröffentlichten die wichtigsten Satiremagazine „Leman“, „Penguen“ und „Uykusuz“ eine gemeinsame „Charlie Hebdo“-Gedenkausgabe. „Wir Karikaturisten müssen weitermachen, jetzt erst recht“, sagt der Chefredakteur Akgün. Das Tagesgeschäft werde fortgesetzt, und wie immer kämen sie mit dem Zeichnen gar nicht hinterher. Kaum habe man einen Titel fertiggestellt, hole einen die Realsatire der türkischen Regierung wieder ein.

          Akgün ist schon lange im Geschäft. Schon mit fünfzehn Jahren zeichnete er bei „Girgir“, einem Blatt, das in den achtziger Jahren mit einer wöchentlichen Auflage von 500000 Exemplaren das meistgelesene türkische Satiremagazin war. Erst gründete er „Limon“ und dann, 1991, „Leman“. Frühere Mitarbeiter brachten schließlich die Blätter „Penguen“ und „Uykusuz“ heraus. „Von dem einen sind wir der Vater, vom anderen der Großvater“, erzählt Akgün, etwas erschöpft, in seinem Redaktionsbüro, in einer Seitenstraße der Istanbuler Istiklal Caddesi. Wie so oft hat er bis nachts um drei an seinen Cartoons gefeilt, um, wie er sagt, den täglichen Irrsinn der türkischen Politik aufs Papier zu bringen. Akgün trägt Nickelbrille, schulterlange Haare und Schlabberlook. Auch wenn er aussehe wie ein Altachtundsechziger, sagt er, sei er aus der Achtundsiebziger-Generation, einer Zeit, als heftige Studentenunruhen die Türkei erschütterten.

          Der Präsident im Eifer des Gefechts

          „Erdogan kann ich mit verbundenen Augen zeichnen“, sagt Akgün. Der türkische Präsident sei ein klassisches Rauhbein: „Sein überheblicher Blick, sein Narzissmus, all das macht ihn einmalig.“

          Erst kürzlich hatte Erdogan etwas behauptet, mit dem er die Geschichtsbücher umschreiben würde: Amerika sei zuerst von Muslimen entdeckt worden. Auf einem der Titelblätter von „Leman“ ist er daher als Kolumbus abgebildet. Er ist mit seinem AKP-Dreimaster vor Amerika gestrandet, und jetzt passt es dem bauwütigen Erdogan nicht, dass alle Hügel so schön grün sind. Also befiehlt er, eine Moschee und ein Einkaufszentrum zu bauen. Auch die Nacktheit der Eingeborenen empört ihn. „Die sollen sich sofort etwas überziehen!“

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