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Kommentar : Schwarzer Freitag

Deniz Yücel nach seiner Freilassung aus der Haft. Bild: AFP

Deniz Yücel ist frei. Doch die Unterdrückung der Pressefreiheit in der Türkei dauert fort. Als der „Welt“-Korrespondent aus der Haft kam, wurden drei türkische Publizisten zu lebenslänglich verurteilt.

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          Die Freude über die Freilassung von Deniz Yücel sollte ungetrübt sein. Nach einem Jahr Untersuchungshaft ist der „Welt“-Korrespondent endlich frei und kann nach Deutschland ausreisen. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite findet sich die gerade erst vom Gericht angenommene Anklage, die Yücel vermeintliche Propaganda für eine Terrororganisation und „Aufstachelung des Volkes zu Hass und Feindseligkeit“ vorwirft, wofür die Staatsanwaltschaft zwischen vier und achtzehn Jahre Haft für den Journalisten fordert.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Nicht zu vergessen sind zudem die Hintergedanken des türkischen Regimes, dass sich von der Bundesregierung militärtechnische Unterstützung und politisches Stillschweigen zu seinem Angriffskrieg gegen die Kurden in Syrien erhofft.

          Deniz Yücel war eine politische Geisel, wie der Bundesvorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbands, Frank Überall, in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ zutreffend bemerkt hat. Und: Er ist nicht der Einzige, den die türkische Justiz verfolgt. Rund 150 Journalisten sind noch in Haft. Die Verfolgung politischer Gegner unter dem Vorwand, sie unterstützten den „Terrorismus“, setzt sich in der Türkei fort.

          Und am selben Tag, an dem Deniz Yücel das Gefängnis verlassen konnte, sind drei renommierte Publizisten und Regierungskritiker wegen vermeintlicher Beteiligung am Putschversuch im Juli 2016 zu lebenslanger Haft verurteilt worden: die Brüder Ahmet und Mehmet Altan sowie der Schriftsteller Nazli Ilicak. Mehmet Altan hat zahlreiche Bücher zur türkischen Politik verfasst, sein Bruder schreibt Romane und hat die Zeitung „Taraf“ mitgegründet. Den dreien wird vorgeworfen, sie hätten über die Medien verschlüsselte Botschaften zum Putschversuch verbreitet. Die Angeklagten und ihre Anwälte wiesen die Vorwürfe als „absurd“ zurück, dem Gericht in Istanbul erschienen sie stichhaltig. Und so hat die Organisation Reporter ohne Grenzen allen Grund, in dem Augenblick, in dem Deniz Yücel freikommt, von einem „schwarzen Tag“ für die Pressefreiheit in der Türkei zu sprechen.

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