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Erdogans Akademiker : Der Rest ist Propaganda

  • -Aktualisiert am

So zeigt er sich gern: Recep Tayyip Erdogan mit Studentinnen beim Fastenbrechen im vergangenen Ramadan. Bild: Reuters

Wer dachte, eine Tagung des Zentrums für Türkeistudien in Essen würde die Lage der Universitäten am Bosporus kritisch beleuchten, sah sich getäuscht: kein Wort von Erdogans Säuberungen, nur Lob für den Potentaten.

          Ein Gespenst geht um im Nahen Osten, das Gespenst der friedliebenden, toleranten, xenophilen Türkei, deren Politik von humanitären Motiven angetrieben ist und die das akademische Erbe der zerstörten Länder des Nahen Ostens, besonders Syriens, aufnimmt und weiterträgt.

          Diesen Eindruck musste gewinnen, wer vorige Woche an der umstrittenen Tagung „Das akademische Erbe in die Zukunft tragen: Die Integration von Flüchtlingen durch Hochschulbildung“ am Zentrum für Türkeistudien und Migrationsforschung in Essen teilnahm. Im Vorfeld hatten exilierte türkische Akademiker gegen den ihrer Meinung nach heuchlerischen Charakter der Veranstaltung protestiert. Ihren Kollegen in England war es gelungen, die gleiche Veranstaltung an der renommierten Londoner School of Oriental and African Studies (SOAS) absetzen zu lassen.

          Soll es einen Dialog mit entschiedenen Gegnern von Demokratie und Wissenschaftsfreiheit geben? In Essen, dem Zentrum der von der Volkswagenstiftung geförderten „Exilakademie“ für türkische Wissenschaftler, die den „Säuberungen“ in ihrem Heimatland zum Opfer fielen, stellte sich diese Frage. Die dortige Universität hat dazu eine Stellungnahme abgegeben, in der sie sich gegen jede Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit ausspricht und ihr Engagement für geflüchtete Wissenschaftler betont. Zugleich verschließt sie sich nicht dem Dialog mit türkischen Hochschulrepräsentanten. Das gastgebende Türkeizentrum darf allein von seinem Auftrag her nicht Partei ergreifen. Seinem Leiter Halil Uslucan gelingt es, eine kooperierende Äquidistanz zu allen Gruppen im Blickfeld des Instituts beizubehalten.

          Bei der Tagung ging es zunächst um das offizielle Thema, das Projekt des türkischen zentralen Hochschulrats (YÖK) zur Integration syrischer Flüchtlinge in die Universitäten der Türkei. In der Tat sollte man sich in Deutschland vor Augen halten, dass die Türkei weltweit zu den Ländern mit den meisten aufgenommenen Flüchtlingen gehört, nach heutigem Stand 4,5 Millionen Menschen, knapp sieben Prozent der Gesamtbevölkerung, die meisten davon aus Syrien. Das Flüchtlingsabkommen der EU mit der Türkei spart der EU große Geldsummen, weil es billiger ist, die Flüchtlinge in der Türkei zu unterstützen, als sie in Staaten der EU aufzunehmen. Das Bonmot Murat Erdogans, des Leiters der Abteilung für Migrationsforschung an der Türkisch-Deutschen Universität in Istanbul, der den einzigen niveauvoll argumentierenden Vortrag auf türkischer Seite hielt, ist richtig: Für die EU ist derjenige Flüchtling der beste, der sich in der Türkei wohlfühlt.

          Der Rest war Propaganda. Der politische Sinn der Veranstaltung bestand darin, durch triumphalistisch vorgetragene Humanitätsaspekte die ruinierte Reputation der Türkei im Hochschulbereich aufzupolieren. Der Dialog scheiterte an der Phalanx der Erdogan ergebenen Akademiker auf dem Podium, die weder die von ihnen selbst produzierten Widersprüche bemerkten noch die Folgen ihrer Ausführungen abzusehen vermochten. So ist der stellvertretende YÖK-Chef, der Mediziner Safa Kapicioglu, mitverantwortlich für die Säuberung der Universitäten und die Relegation von – nach Angaben der Opposition – fast 70000 Studenten. Das schafft Platz für die 28000 syrischen Studenten, von denen er stolz berichtete.

          Der Historiker Ömer Turan von der Technischen Universität Ankara, der die offizielle Linie der Leugnung des Genozids an den syrischen Christen und Armeniern im Osmanenreich 1915 vertritt, fand in seinem Vortrag über das kulturelle Erbe im Nahen Osten jüdisches Leben nicht erwähnenswert, übersah das Islamische an den Kulturzerstörungen des „Islamischen Staats“ und jenen durch die Türkei nicht nur 1915, sondern auch in den kurdischen Gebieten. Der von Präsident Erdogan per Präsidialerlass eingesetzte Rektor der Marmara-Universität Erol Özvar bestand auf der türkischen Politik des Humanismus. Die gezeigten Videos, filmästhetisch auf dem Niveau sowjetischer Propagandafilme aus den siebziger Jahren, endeten mit der Apologie der Türkei als Paradies.

          Der humanitäre Ansatz und die Klage über erzwungene Migration gelten offensichtlich nicht den eigenen Akademikern. Denn die Frage musste kommen: Was tut YÖK bei so viel Humanismus, um die Rückkehr der exilierten türkischen Wissenschaftler zu ermöglichen? Darauf gab Kapicioglu nur die floskelhafte Antwort, die Türkei sei ein Rechtsstaat und die Entlassungen seien rechtsstaatlich abgelaufen. Letzteres ist schlicht unwahr. So entpuppte sich die Veranstaltung als einfach gestrickte und zynische Propaganda.

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