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Streit um Tempelberg : Zum Schutz unseres osmanischen Erbes

  • -Aktualisiert am

Schwört die Massen auf sich ein: Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan. Bild: EPA

Die Türkei protegiert die Palästinenser und schickt Pilger mit türkischen Fahnen nach Ostjerusalem. Damit wird der Konflikt um den Jerusalemer Tempelberg zusätzlich befeuert.

          Im Konflikt um den Jerusalemer Tempelberg mischt in letzter Zeit auf muslimischer Seite ein neuer Akteur mit. Es ist die Türkei, deren Regierung die Verteidigung der dortigen Moscheen vor dem Griff des, wie Präsident Erdogan ihn derzeit nennt, israelischen „Terror- und Besatzungsstaats“ zur Chefsache erhoben hat. So finden auf dem Berg immer häufiger türkische Pilger und palästinensische Erdogan-Verehrer zu lauten Demonstrationen zusammen, bei denen türkische Nationalfahnen geschwungen und Erdogan-Poster hochgehalten werden. Manche von ihnen tragen ostentativ den Fez, die in osmanischer Zeit übliche Kopfbedeckung. Wegen solcher politischen Symbole kam es im Dezember bereits zu einem Zwischenfall, der beinahe eine diplomatische Krise ausgelöst hätte. Als israelische Polizisten einigen belgisch-türkischen Aktivisten, die als türkische Flagge aufgemachte rote T-Shirts trugen, den Zutritt zum Moscheenareal verweigerten, wurden die Türken handgreiflich. Sie wurden daraufhin verhaftet und kurze Zeit später des Landes verwiesen.

          Demonstrative Auftritte von Türken auf dem Tempelberg sind indes schon etwas älter als die jüngste Jerusalem-Erklärung des amerikanischen Präsidenten, gegen welche auch die erwähnten türkischen Pilger demonstrieren wollten. Die sich häufenden, meist auch medial inszenierten Besuche islamistischer türkischer Aktivisten, Prediger und hochrangiger AKP-Politiker sind nämlich Teil einer schon länger anhaltenden wohldurchdachten Kampagne, die sich in die neoosmanisch gefärbte Selbstinszenierung der Türkei als islamischer Großmacht nahtlos einfügt. Bekanntlich standen Palästina und Jerusalem einst wie die gesamte Region unter osmanischer Herrschaft. Die Mauer der Jerusalemer Altstadt wurde unter dem osmanischen Sultan Süleyman I. im 16. Jahrhundert errichtet. Um das sonstige im Land hinterlassene Kulturerbe der Osmanen hatte sich der israelische Staat lange Zeit nur begrenzt gekümmert, und die muslimischen Palästinenser hatten Mühe, für dessen Pflege arabische Geldgeber zu gewinnen. In diese Lücke ist nun die AKP-Regierung mit voller Wucht gestoßen, wobei sie ihre Unterstützung politisch geschickt zu instrumentalisieren versteht.

          Umkämpfter Ort: der Tempelberg mit dem Felsendom und der Al-Aqsa-Moschee

          So lässt die Türkei seit etlichen Jahren über staatsnahe religiöse Stiftungen Moscheeanlagen in Israel, die – wie etwa in Jaffa – aus der osmanischen Ära stammen, aufwendig renovieren. Unter dem Mantel der Erhaltung des gemeinsamen islamisch-osmanischen Erbes bauten die türkischen Organisationen so ihre Kontakte zu israelisch-arabischen Islamisten aus den Reihen der „Islamischen Bewegung“ aus. Diese steht den Muslimbrüdern, als deren Beschützer Erdogan sich sieht, nahe und hat sich seit Jahrzehnten die Verteidigung der Tempelberg-Moscheen gegen die israelische „Gefahr“ auf die Fahnen geschrieben. Auf die dort immer zahlreicher werdenden Besuche jüdischer Tempel-Aktivisten hatte die „Islamische Bewegung“ vor einigen Jahren mit der Postierung eigener Demonstranten, darunter häufig vollverschleierte Frauen, reagiert, die die jüdischen Besucher bei ihren Rundgängen auf dem Moscheenareal mit lautem Schreien bedrängten. Diese Agitation nahmen die israelischen Behörden schließlich 2015 zum Anlass, die islamistische Organisation zu verbieten.

          „Festival Al-Aqsa in Gefahr“

          Bis zu ihrem Verbot hatte die „Islamische Bewegung“ in Israel alljährlich in der Stadt Um al-Fahm die Massenkundgebung „Festival Al-Aqsa in Gefahr“ veranstaltet. Wenig bekannt ist, dass seit bald einem Jahrzehnt auch in der Türkei immer wieder eine Parallelveranstaltung stattfindet, die von dem türkischen Verein „Mirasimiz“ (Unser Erbe) organisiert wird. Er kümmert sich, wie seinem vollen Namen zu entnehmen ist, um den „Schutz und die Erhaltung des osmanischen Erbes in und um Jerusalem“. Über diesen Verein wurden Kontakte zu führenden palästinensischen Islamisten in Israel wie etwa Raed Salah von der „Islamischen Bewegung“ und dem damals noch als Mufti von Ostjerusalem amtierenden Ekrima Sabri geknüpft, der heute Prediger der Al-Aqsa-Moschee ist. Die Aktivitäten von Mirasimiz intensivierten sich in dem Maße, wie die Neoosmanismus-Kampagne der AKP voranschritt. Bald begann der Verein eine eigene Zeitschrift mit dem Titel „Minber-i Aksa“ (Al-Aqsa-Kanzel) zu veröffentlichen, die seit 2016 monatlich erscheint. Sie mobilisierte von Anfang an nicht nur gegen die „Gefahr“ für Al-Aqsa, sondern auch betont gegen die „für unser osmanisches Erbe in Jerusalem“. Eine solche gehe nicht nur von der Politik des „Besatzungsstaats“ Israel aus, sondern auch von der Agitation „fanatischer“ jüdischer Tempelberg-Aktivisten auf dem Moscheenareal, über die „Minber-i Aksa“ regelmäßig alarmistisch berichtet.

          Im Sommer 2015 informierte die Zeitschrift auch über den im Mai stattgefundenen Palästina-Besuch des damaligen Leiters des türkischen Präsidiums für religiöse Angelegenheiten (Diyanet) Mehmet Görmez. Vom Vorsitzenden des Mirasimiz-Vereins, Muhammet Demirci, begleitet, hatte Görmez während seines Besuches in Ostjerusalem dort nicht nur ein Diyanet-Büro eröffnet und den arabisch-israelischen Islamisten-Führer Raed Salah getroffen, sondern in der Al-Aqsa-Moschee auch eine flammende Predigt gehalten. Der in Arabisch gesprochene, rund zwanzig Minuten lange Sermon wurde vom Sender der türkischen Religionsbehörde TRT Diyanet-TV als „historisch“ gepriesen und mit türkischen Untertiteln ausgestrahlt. Görmez schloss sich in seiner Ansprache der üblichen Dschihad-Rhetorik seiner palästinensischen Gastgeber an und bestärkte sie in ihrem „heiligen Krieg für die Verteidigung der gesegneten Al-Aqsa-Moschee“. Er beschwor die Pflicht aller Muslime, besonders der Türken, die Palästinenser zu unterstützen, und nutzte den Anlass auch, um die Verdienste der osmanischen Sultane um Jerusalem zu würdigen: Diese hätten in der heiligen Stadt Mauern und Denkmäler errichtet und ihre sämtlichen Bewohner, wo immer nur möglich, unterstützt.

          „Besatzung und Terror“

          Das Diyanet hatte dem Palästina-Besuch von Görmez eine ganze Ausgabe seiner Monatsschrift (Juli 2015) gewidmet. In seinem Vorwort stellte der damalige Diyanet-Chef das Schicksal der Muslime Palästinas seit dem Abzug der Osmanen als eine einzige Verfolgungsgeschichte dar. Görmez sprach hier im Hinblick auf die israelische Kontrolle korrekt von „Besatzung“, ließ allerdings anderen Autoren im Heft, wie etwa dem Istanbuler Politikwissenschaftler Berdal Aral, die Freiheit, in diesem Zusammenhang das Begriffspaar „Besatzung und Terror“ zu verwenden. Ins Auge stach schon in dieser Ausgabe der Diyanet-Zeitschrift der Schulterschluss mit dem äußersten rechten Rand der islamistischen Szene in der Türkei. Ahmet Varol, einen der schrillsten Kommentatoren aus diesem Umfeld, ließ die Zeitschrift in einem Interview auf nicht weniger als sechs Seiten zu Wort kommen. Der türkische Islamist bestritt jegliches Recht der Juden auf den Tempelberg und spielte, wenn auch vorsichtig, auf die alte Legende an, dass die Juden beabsichtigten, die Moscheen auf dem Berg zu zerstören, um dort ihren Tempel zu errichten. Varol ist heute außer als Kommentator des radikalen, AKP-nahen Kampfblatts „Yeni Akit“ auch einer der Autoren der islamistischen Zeitschrift „Ribat“ – ein Begriff aus dem Vokabular des Dschihad. In einem seiner jüngsten Beiträge hier behauptet Varol beispielsweise, dass rechtsextremistische israelische Organisationen hinter den Anschlägen auf jüdische Siedler steckten. Ziel sei es, der israelischen Regierung die Rechtfertigung für ein noch härteres Vorgehen gegen die Palästinenser zu liefern.

          Ein Novum für den türkischen Besucherstrom

          Der Jerusalem-Besuch des Diyanet-Chefs Görmez markierte einen Wendepunkt im Verhältnis seiner Behörde zum Thema Jerusalem und Tempelberg. Schon im Vorfeld hatte Görmez die Route der vom Diyanet betreuten Pilgerreisen nach Mekka und Medina um eine Variante erweitern lassen. Seitdem bietet das Diyanet die Option, auf dem Weg nach Saudi-Arabien in Ostjerusalem Station zu machen, um in den Tempelberg-Moscheen zu beten. Schon dieses Novum schien den türkischen Besucherstrom deutlich anwachsen zu lassen. Waren es 2015 rund fünfundzwanzigtausend türkische Pilger, so schätzt man ihre Zahl heute auf jährlich mehr als vierzigtausend. Dass Erdogan die Türken im vergangenen Jahr ausdrücklich aufgefordert hat, nach Ostjerusalem zu pilgern, hat sich auf die Besucherzahl offensichtlich ausgewirkt: Nach israelischen Angaben stieg sie in den letzten Monaten des Jahres 2017 im Vergleich zum Vorjahr um mehr als vierzig Prozent. Unter diesen Jerusalem-Besuchern dürften sich auch etliche Türken und Türkischstämmige aus Deutschland befunden haben, denen der türkische Moscheeverband Ditib zum Jahreswechsel entsprechende Reisen angeboten hat.

          Während die türkischen Pilger auf palästinensischer Seite mit offenen Armen empfangen werden, bereiten sie den Israelis zunehmend Sorge. Die israelische Presse hat das Thema inzwischen für sich entdeckt und schlägt Alarm. Im rechten Spektrum wird mit Schlagzeilen „Die Türken kommen“ der Eindruck erzeugt, als sei eine türkische Invasion im Gange. Indes ist nicht zu übersehen, dass die türkischen Besucher häufig auf Provokation aus sind. So hat manch einer schon beim Rundgang durch die Ostjerusalemer Altstadt im armenischen Viertel hängende Plakate abgerissen, die an den osmanischen Völkermord an den Armeniern erinnern. Die türkischen Pilger pflegen auch demonstrativ türkische Nationalfahnen in der Hand zu halten, mit denen sie sich gerne auf dem Tempelberg in Gruppenfotos verewigen lassen. Von AKP-nahen Blättern wie „Yeni Safak“ werden solche Aktionen, zumal wenn es zu Auseinandersetzungen mit der israelischen Polizei kommt, zum Widerstandsakt gegen den „Besatzungsstaat Israel“ stilisiert.

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