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Streit um Tempelberg : Zum Schutz unseres osmanischen Erbes

  • -Aktualisiert am

„Besatzung und Terror“

Das Diyanet hatte dem Palästina-Besuch von Görmez eine ganze Ausgabe seiner Monatsschrift (Juli 2015) gewidmet. In seinem Vorwort stellte der damalige Diyanet-Chef das Schicksal der Muslime Palästinas seit dem Abzug der Osmanen als eine einzige Verfolgungsgeschichte dar. Görmez sprach hier im Hinblick auf die israelische Kontrolle korrekt von „Besatzung“, ließ allerdings anderen Autoren im Heft, wie etwa dem Istanbuler Politikwissenschaftler Berdal Aral, die Freiheit, in diesem Zusammenhang das Begriffspaar „Besatzung und Terror“ zu verwenden. Ins Auge stach schon in dieser Ausgabe der Diyanet-Zeitschrift der Schulterschluss mit dem äußersten rechten Rand der islamistischen Szene in der Türkei. Ahmet Varol, einen der schrillsten Kommentatoren aus diesem Umfeld, ließ die Zeitschrift in einem Interview auf nicht weniger als sechs Seiten zu Wort kommen. Der türkische Islamist bestritt jegliches Recht der Juden auf den Tempelberg und spielte, wenn auch vorsichtig, auf die alte Legende an, dass die Juden beabsichtigten, die Moscheen auf dem Berg zu zerstören, um dort ihren Tempel zu errichten. Varol ist heute außer als Kommentator des radikalen, AKP-nahen Kampfblatts „Yeni Akit“ auch einer der Autoren der islamistischen Zeitschrift „Ribat“ – ein Begriff aus dem Vokabular des Dschihad. In einem seiner jüngsten Beiträge hier behauptet Varol beispielsweise, dass rechtsextremistische israelische Organisationen hinter den Anschlägen auf jüdische Siedler steckten. Ziel sei es, der israelischen Regierung die Rechtfertigung für ein noch härteres Vorgehen gegen die Palästinenser zu liefern.

Ein Novum für den türkischen Besucherstrom

Der Jerusalem-Besuch des Diyanet-Chefs Görmez markierte einen Wendepunkt im Verhältnis seiner Behörde zum Thema Jerusalem und Tempelberg. Schon im Vorfeld hatte Görmez die Route der vom Diyanet betreuten Pilgerreisen nach Mekka und Medina um eine Variante erweitern lassen. Seitdem bietet das Diyanet die Option, auf dem Weg nach Saudi-Arabien in Ostjerusalem Station zu machen, um in den Tempelberg-Moscheen zu beten. Schon dieses Novum schien den türkischen Besucherstrom deutlich anwachsen zu lassen. Waren es 2015 rund fünfundzwanzigtausend türkische Pilger, so schätzt man ihre Zahl heute auf jährlich mehr als vierzigtausend. Dass Erdogan die Türken im vergangenen Jahr ausdrücklich aufgefordert hat, nach Ostjerusalem zu pilgern, hat sich auf die Besucherzahl offensichtlich ausgewirkt: Nach israelischen Angaben stieg sie in den letzten Monaten des Jahres 2017 im Vergleich zum Vorjahr um mehr als vierzig Prozent. Unter diesen Jerusalem-Besuchern dürften sich auch etliche Türken und Türkischstämmige aus Deutschland befunden haben, denen der türkische Moscheeverband Ditib zum Jahreswechsel entsprechende Reisen angeboten hat.

Während die türkischen Pilger auf palästinensischer Seite mit offenen Armen empfangen werden, bereiten sie den Israelis zunehmend Sorge. Die israelische Presse hat das Thema inzwischen für sich entdeckt und schlägt Alarm. Im rechten Spektrum wird mit Schlagzeilen „Die Türken kommen“ der Eindruck erzeugt, als sei eine türkische Invasion im Gange. Indes ist nicht zu übersehen, dass die türkischen Besucher häufig auf Provokation aus sind. So hat manch einer schon beim Rundgang durch die Ostjerusalemer Altstadt im armenischen Viertel hängende Plakate abgerissen, die an den osmanischen Völkermord an den Armeniern erinnern. Die türkischen Pilger pflegen auch demonstrativ türkische Nationalfahnen in der Hand zu halten, mit denen sie sich gerne auf dem Tempelberg in Gruppenfotos verewigen lassen. Von AKP-nahen Blättern wie „Yeni Safak“ werden solche Aktionen, zumal wenn es zu Auseinandersetzungen mit der israelischen Polizei kommt, zum Widerstandsakt gegen den „Besatzungsstaat Israel“ stilisiert.

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