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Erdogan untergräbt Kemalismus : Die islamische Gegenrevolution

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Zum Tulpenfest richten sich derzeit wieder alle Blicke auf Istanbul: Manche türkische Perspektive aber bleibt dunkel. Bild: Picture-Alliance

Sein Weg in die Moderne folgt einem anderen Kurs: Mit Koranunterricht, Moscheebau, Alkoholverboten und Osmanen-Nostalgie untergräbt der türkische Staatspräsident Erdogan den Kemalismus.

          In der Türkei wächst bei den Säkularen die Sorge vor einer Islamisierung der Gesellschaft durch die kontinuierlich erstarkende „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“ (AKP) von Recep Tayyip Erdogan. Der Prozess der Re-Islamisierung - man könnte auch von einer islamischen Gegenrevolution zur einstigen laizistischen Kulturrevolution Kemal Atatürks sprechen - begann 2012 mit der schrittweisen Aufhebung des Kopftuchverbots für Studentinnen, Parlamentarierinnen und Anwältinnen vor Gericht. Im vergangenen Herbst erfolgte ein weiterer einschneidender Schritt: Das Tragen des Kopftuchs ist Schülerinnen seitdem an öffentlichen Schulen von der fünften Klasse an erlaubt. Das Schulsystem islamischer zu gestalten ist ein besonderes Anliegen der AKP. Bereits 2012 wurde die Schulpflicht von acht auf zwölf Jahre angehoben, mit nun drei statt wie bisher zwei Schulstufen. So kann schon ab der Mittelstufe auf die lange vernachlässigten religiösen Imam-Hatip-Schulen, ursprünglich Lehranstalten für Moscheeprediger, gewechselt werden, die die Regierung neuerdings zügig zu einem parallelen Schulsystem ausbaut.

          Diese Schulen bekommen Zulauf, seit kurzem übrigens nicht immer freiwillig. Es mehren sich die Fälle, in denen Schüler, die an ihrer staatlichen Schule schlechte Leistungen erbringen, an eine religiöse Schule versetzt werden. Zudem betreibt der Zeitung „Milliyet“ zufolge die Regierung energisch die Umwandlung regulärer Oberschulen in Imam-Hatip-Schulen: Knapp 1500 sollen es seit 2011 sein, und in nur zehn Jahren hat sich die Zahl der Imam-Hatip-Schüler mehr als verzehnfacht (auf etwas mehr als 700.000). Erdogan freilich, der selbst eine solche Schule besuchte und erklärtermaßen eine „junge fromme Generation“ heranziehen will, bezifferte jüngst die Zahl dieser Schüler schon mit einer Million.

          Erhebliche Ausweitung der Bautätigkeit

          So geschehen kürzlich bei der Einweihung einer neuen Abteilung für theologische Studien an der Universität der südostanatolischen Stadt Gaziantep. Man brauche noch mehr solche Einrichtungen, betonte der türkische Präsident, um die an den religiösen Schulen dringend benötigten Lehrkräfte auszubilden. Dies unterstrich auch die Anwesenheit des türkischen Erziehungsministers Nabi Avci wie des Leiters des staatlichen „Amts für religiöse Angelegenheiten“ (kurz: Diyanet) Mehmet Görmez. Bei dieser Gelegenheit gab Erdogan den Plan zum Bau einer zehntausend Besucher fassenden Moschee in der Stadt bekannt - Teil des Moscheebau-Booms unter der AKP: von 2002 bis 2013 wurden knapp zehntausend neue Gebetshäuser gebaut, ein Zuwachs von rund dreizehn Prozent auf nun etwas mehr als 85.000.

          Wie viele 2014 errichtet wurden, verrät die offizielle Statistik nicht, aber Diyanet-Chef Görmez sprach im letzten September schon von 90.000 Moscheen, was auf eine erhebliche Ausweitung der Bautätigkeit hinweisen könnte. Die betrifft nun auch die Universitäten, bislang Bastionen des Laizismus. Sie alle erhalten eigene Moscheen, deren Imame, wie es heißt, das Gespräch mit den Studenten suchen sollen.

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