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Türkei : Populäre Paranoia

  • -Aktualisiert am

Wie einflussreich sind Verschwörungstheorien? Erdogan im Wahlkampf Bild: dpa

Am Sonntag wird in der Türkei gewählt - ein Tag, von dem die Träger des kemalistischen Ideensystems den Beginn der ewigen Dunkelheit erwarten. Um so anfälliger zeigen sie sich für Verschwörungsphantasien, die darin gipfeln, Ministerpräsident Erdogan als jüdischen Agenten Amerikas darzustellen.

          Verschwörungstheorien verkaufen sich in der Türkei immer gut. Und in Wahlzeiten besonders gut. Der jüngste Bestseller heißt „Musa'nin Cocuklari“, die „Kinder des Moses“. Im April kam er auf den Markt, und schon wird die sechzehnte Auflage verkauft. Verfasst hat ihn der staatstreue Kemalist Ergün Poyraz. Ihm sei gedankt dafür, auf 333 Seiten herausgefunden zu haben, dass der Ministerpräsident und AKP-Vorsitzende Tayyib Erdogan nicht der ist, als den er sich ausgibt. Nicht ein frommer Muslim, sondern - und da stockt jedem Leser der Atem: in Wirklichkeit ein jüdischer Agent, ebenso wie seine sittsam gekleidete Frau. Und so verkaufen beide für ihre amerikanischen Auftraggeber die Türkei. Nein, das Erschreckende ist nicht, dass so etwas geschrieben wird. Ohne jegliche Quellen, versteht sich. Das Erschreckende ist, dass so ein Werk ein Bestseller wird.

          In einer Pointe weicht der Autor von seiner Linie ab. Erdogans Eltern waren von der Hafenstadt Rize am Schwarzen Meer nach Istanbul ausgewandert. Daher, der Schluss drängt sich jedem auf, der wie Poyraz denkt, war Erdogan auch heimlich ein Georgier. Mit engen Beziehungen zu den Pontusgriechen, und die versuchen ja noch immer, glaubt man Poyraz weiter, ihr untergegangenes Reich wiederzuerrichten. Einen willigen Helfer haben sie dabei in Erdogan gefunden. Erdogan gebe zwar an, keine Fremdsprachen zu sprechen. Poyraz verdanken wir aber die Einsicht, dass Erdogan 2002 bei seinem ersten Besuch in Griechenland mit dem damaligen griechischen Ministerpräsidenten Kostas Simitis unter vier Augen Griechisch gesprochen habe. Und das alles verkauft sich in sechzehn Auflagen.

          Verschwörungstheorien

          Je näher die Wahlen kommen, desto mehr Verschwörungstheorien dieser Art sind im Umlauf. Die meisten behaupten, die regierende „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“ (AKP) sei nichts als eine Agentin der Vereinigten Staaten, kollaboriere mit den Kurden, unterstütze die Gründung eines kurdischen Staats und führe so wissentlich die Teilung der Türkei herbei. Kein Wunder, dass sich verängstigte Kemalisten bereit erklären, nun die ultranationalistische und faschistische „Partei der Nationalen Bewegung“ (MHP) zu wählen.

          Verschwörungstheorien sind nichts Neues in der Türkei. Sie grassieren seit der Gründung der Republik im Jahr 1923. Seither sind sie unabdingbarer Bestandteil des offiziellen türkischen Nationalismus. Ohne Unterlass diagnostizieren die staatstragenden Kräfte die Feinde im Innern und im Äußern. Verschwörungstheorien sind charakteristisch für die politische Kultur nicht entwickelter Länder. Vor allem in Krisenzeiten und bei Wahlen wie der am kommenden Sonntag. Denn von dieser erwarten die Träger des kemalistischen Ideensystems den Beginn der ewigen Dunkelheit. Da schießen Konspirationen wie Pilze aus dem Boden. Sie beeinflussen das politische Denken und sogar die Wahlentscheidungen.

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