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Schriftsteller Dogan Akhanli : Albtraum, zweiter Teil

Der deutsche Schriftsteller türkischer Abstammung, Dogan Akhanli ist nun wieder frei. Die Festnahme von Akhanli auf Betreiben der Türkei in Spanien entwickelt sich immer mehr zum Politikum. Bild: dpa

Die Türkei ließ am Samstag den Schriftsteller Dogan Akhanli in Spanien festnehmen. Am Sonntag wurde der deutsche Staatsbürger auf freien Fuß gesetzt. Doch der Albtraum ist für ihn noch nicht vorüber.

          Es muss für Dogan Akhanli gewesen sein, als kehre er wieder in einen Albtraum zurück, aus dem er schon längst aufgewacht war. Am Sonntagmittag hat die spanische Justiz den Schriftsteller wieder auf freien Fuß gesetzt, doch auch noch am Nachtmittag war der Deutschtürke, der in Köln lebt und seit vielen Jahren nur die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, noch nicht in der Lage, selbst über das Geschehen zu sprechen. „Er steht unter Schock“, sagte seine Lebensgefährtin Perihan Zeran am Telefon. „Es war furchtbar für ihn, von der spanischen Polizei abgeholt zu werden und von einem spanischen Richter und mitten in Europa all die schrecklichen Anschuldigungen zu hören, mit denen man ihn seit Jahren in der Türkei verfolgt.“

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Einen schönen Sommerurlaub in Spanien hatte das Paar verbringen wollen, auf die Besichtigung der Alhambra hatten die beiden sich besonders gefreut. Doch dann klopfte es am Samstagmorgen um kurz nach acht Uhr an ihrer Hotelzimmertür in Granada. Mehrere schwerbewaffnete Polizisten standen vor der Tür, legten dem sechzigjährigen Akhanli Handschellen an und brachten ihn nach Madrid. Dort ließ man ihn am nächsten Tag zwar wieder gehen, doch verlassen darf der Schriftsteller das Land vorerst nicht. Die spanischen Richter erklärten vielmehr, dass die Türkei nun 40 Tage Zeit habe, um ihr Auslieferungsbegehren zu erläutern. Die Gründe werde man dann prüfen und anschließend entscheiden.

          Die türkische Justiz behauptet, Dogan Akhanli sei Mitglied in einer bewaffneten Terrororganisation. Man darf gespannt sein, was sie sich einfallen lässt, um diesen Vorwurf zu untermauern. Für jeden, der Akhanli persönlich kennt oder der sich mit der schriftstellerischen und publizistischen Arbeit dieses sanften, äußerst friedliebenden Mannes beschäftigt hat, ist er geradezu absurd: Akhanli ist Menschenrechtsaktivist und hat sich in seinen Werken immer wieder mit dem Genozid an den Armeniern und dem Militärputsch von 1980 auseinandergesetzt – mit Themen also, über die man in der Türkei höchstens zaghaft diskutiert. Akhanli, der 1991 vor dem Militärregime nach Deutschland flüchtete, begann zu schreiben, um sich mit seiner Geschichte auseinanderzusetzen. 1998 und 1999 veröffentlichte er auf Türkisch seine ersten beiden Romane, in denen er die politischen Ereignisse der siebziger und achtziger Jahre in der Türkei verarbeitete. Auf Deutsch erschien 2007 „Die Richter des jüngsten Gerichts“ (Kitab Verlag), ein Roman über den Völkermord an den Armeniern, für den Akhanli von türkische Medien als „armenischer Bastard“ beschimpft wurde. In seiner Erzählung „Die Tage ohne Vater“, die im vergangenen Jahr im selben Verlag erschienen ist, schilderte Akhanli die Geschichte und das Trauma eines türkischen Exilanten in Köln.

          Stimmen wie Akhanli soll es in Erdogans „neuer Türkei“ nicht geben. Die dem Staatspräsidenten ergebenen türkischen Staatsanwälte und Richter verfolgen Menschen gnadenlos, die es wagen, anders zu denken als er selbst. Dass das nicht erst seit dem versuchten Militärputsch vom 15.Juli 2016 so ist, in dessen Folge fast 16.000 Menschen festgenommen worden sind, zeigt der Fall von Dogan Akhanli.

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          Die sogenannte Red Notice, auf deren Grundlage er am Samstag festgenommen wurde, geht zurück auf eine richterliche Entscheidung von vor vier Jahren. Im Frühjahr 2013 hatte das Kassationsgericht von Ankara auf einmal beschlossen, einen Fall wieder neu aufzurollen, der für Akhanli im Oktober 2011 mit einem Freispruch geendet war. Die Unschuld des Schriftstellers, dem bewaffneter Raubüberfall, Mord und Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation vorgeworfen worden war, war damals eindeutig bewiesen worden. Doch plötzlich meinte das Gericht, die Zeugenaussagen, die Akhanli entlastet hatten, seien nicht haltbar. Akhanlis Terrororganisation sei noch immer eine große Bedrohung für die Türkei, hieß es in der Anklageschrift – aus einem Bericht des türkischen Innenministeriums ging jedoch schon damals hervor, dass diese Terrororganisation seit 1993 nicht mehr existiert. In dem Bewusstsein, dass von türkischen Richtern kaum Gerechtigkeit zu erwarten ist, reiste Akhanli damals nicht zum Prozessauftakt nach Istanbul. Der Richter erließ daraufhin besagte Red Notice bei Interpol, bei der es sich um einen Suchauftrag handelt, mit dem eine Person vorläufig festgenommen werden kann.

          Ankara kennt bei der Verfolgung von vermeintlichen politischen Gegnern keine Grenzen mehr: Türkische Imame wurden dazu gebracht, Moscheegemeinden in Deutschland auszuspionieren, und türkische Generalkonsulate sollen türkischstämmige Eltern und Lehrer dazu angehalten haben, kritische Bemerkungen über die türkische Regierung an die diplomatischen Vertretungen weiterzuleiten. Dass mittlerweile auch der Arm der türkische Justiz bis Europa reicht, zeigte sich schon Anfang August, als in Barcelona der türkische Journalist Hamza Yalcin verhaftet wurde. Dass der türkische Rechtsstaat quasi nicht mehr existiert, ist eine Tragödie. Dass Erdogan zum Erreichen seiner politischen Ziele auch noch das internationale Recht aushöhlt, darf nicht zugelassen werden.

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