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In Spanien verhaftet : Schriftsteller Dogan Akhanli wieder frei

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Deutscher Schriftsteller türkischer Abstammung: Dogan Akhanli im Januar 2011 in Köln Bild: dpa

Der deutsche Schriftsteller, der auf Betreiben der Türkei in Spanien festgenommen worden war, ist wieder frei. Verhaftungen und Folter haben Dogan Akhanlis Leben geprägt – und der Versuch einer literarischen Bewältigung.

          Der in Spanien festgenommene türkischstämmige Kölner Autor Dogan Akhanli ist wieder frei. Das teilte sein Anwalt Ilias Uyar an diesem Sonntag nach der richterlichen Anhörung in Madrid auf seiner Facebook-Seite mit. Der Generalsekretär des deutschen Pen-Clubs, Carlos Collado Seidel, sagte dem Evangelischen Pressedienst, Akhanli dürfe Spanien aber zunächst nicht verlassen.

          Der 60 Jahre alte Schriftsteller war am Samstag während seines Urlaubs in Granada festgenommen worden. Die Türkei hatte bei Interpol einen internationalen Haftbefehl gegen ihn erwirkt. Die Festnahme hatte große Empörung ausgelöst.

          Folter in Anwesenheit seines kleinen Kindes

          Er war noch ein Jugendlicher, als Dogan Akhanlis Vertrauen in den türkischen Staat „vollkommen erschüttert“ wurde, wie er selbst erzählt: Schon der Kauf einer linksorientierten Zeitung an einem Kiosk hatte genügt, den 1957 als Sohn eines Lehrers an der georgischen Grenze geborenen jungen Mann 1975 für fünf Monate in Untersuchungshaft zu nehmen.

          Nach seinem Freispruch studierte Akhanli Geschichte und Pädagogik, bis er nach dem Militärputsch vom 12. September 1980 untertauchen musste. Aus dem Untergrund heraus organisierte er Demonstrationen und druckte mit Hilfe eines gut organisierten Netzwerks Flugblätter und Zeitungen. Im Mai 1985 wurde er zusammen mit seiner Frau Ayse und dem 16 Monate alten Sohn verhaftet. Nach zehntägigem Verhör und Folter der Eheleute – im Beisein des Sohnes – saß die Familie in einem Militärgefängnis in Istanbul zweieinhalb Jahre lang getrennt in Haft.

          Beschimpft und totgeschwiegen

          Nach der Entlassung 1987 sagte sich Akhanli von seinen Genossen und der Revolutionären Kommunistischen Partei der Türkei los, die ihm zu orthodox und autoritär waren. Er lebte mit seiner Familie zurückgezogen in Antalya, Izmir und Istanbul, arbeitete als Fischer und Instrumentenbauer. Nachdem er und seine Frau ihre Berufungsprozesse verloren hatten, drohte die neuerliche Verhaftung. Deshalb floh die Familie 1992 nach Köln, wo Akhanli zunächst im Rückzug und Schweigen versuchte, mit dem Vergangenen abzuschließen. Er wurde als politischer Flüchtling anerkannt, 1998 von der Türkei ausgebürgert, weil er eine Rückkehr zum Militärdienst verweigerte, und im Jahr 2001 deutscher Staatsbürger.

          Mit dem Schreiben begann Akhanli Mitte der neunziger Jahre – zunächst, um sich mit seiner Geschichte auseinanderzusetzen. Dabei wählte er die Romanform, um distanziert auf die Welt und seine Protagonisten schauen zu können. 1998 und 1999 brachte ein Istanbuler Verlag seine ersten beiden Romane auf den Markt, in denen er die politischen Ereignisse in der Türkei der siebziger und achtziger Jahre verarbeitete. Seine Romantrilogie „Kayip Denizler“  – zu Deutsch „Die verschwundenen Meere“ – schloss er 1999 mit „Kiyamet Günü Yargiçlari“ ab. Als erstes seiner Bücher erschien das Werk 2007 unter dem Titel „Die Richter des jüngsten Gerichts“ in deutscher Sprache. Das Buch, mit dem der Akhanli, wie er sagt, eine Verbindung herstellen wollte „zwischen den Verschwundenen von vor fast hundert Jahren und denen in meiner Zeit“, behandelte erstmals das Tabuthema des Völkermords an den Armeniern von 1915/1916 und machte Akhanli in der Türkei schlagartig bekannt. Er wurde in den Massenmedien wegen seines Geburtsorts als „armenischer Bastard“ beschimpft, von offizieller Seite jedoch totgeschwiegen und überraschenderweise nicht der „Verunglimpfung des Türkentums“ bezichtigt.

          Die dunkle Geschichte Deutschlands und der Türkei

          Sein vierter, 2005 in der Türkei erschienener Roman „Madonna'nin Son Hayali“ – zu Deutsch „Der letzte Traum der Madonna“ – erzählt von der Tragödie des mit über 700 jüdischen Flüchtlingen beladenen Schiffes „Struma“, das 1942 im Schwarzen Meer versenkt wurde, und das Gedenken in Deutschland an diesen Vorfall. Das Buch wurde von türkischen Kritikern und Schriftstellern zu den besten zehn Romanen des Jahres 2005 gerechnet. In der Folge konnte Akhanli, der sich offen zu seiner Traumatisierung, zu Depressionen und Albträumen bekennt, auch über andere Themen schreiben. Er entwickelte Drehbücher für die Krimi-Serie eines türkischen Fernsehsenders, plante eine Liebesgeschichte und einen Roman über Fußball. 2009 erschien sein fünfter Roman „Babasiz Günler“, der in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Tage ohne Vater“ im Jahr 2016 im Kitab-Verlag erschien.

          „Ich schreibe auf Türkisch, aber ich lebe in Deutschland. Das ist eine schwierige Situation, denn ich bin nicht Teil der deutschen Literatur, ich bin Teil der türkischen Literatur“, sagte Akhanli einmal in einem Interview. Weil er im deutschsprachigen Raum in einer anderen Sprache schreibe, verstehe er sich als Schriftsteller im Exil. „Die Literatur“, sagt Akhanli, „ist mir näher als die Politik.“ Vor allen Dingen wolle er gute Geschichten erzählen. Wenn man aber über Genozid, Vergessen und die heutigen Probleme der Türkei schreibe, da könne man nicht sagen, dass man das nur aus Lust an Literatur mache.

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          In Deutschland engagiert sich Akhanli im türkischen Menschenrechtsverein Tüday, beim Allerweltshaus Köln, als Initiator der jüdischen Raphael-Lemkin-Bibliothek in Köln und Mitarbeiter des Vereins „Recherche International“. Er führt türkische Besucher durch das Kölner El-De-Haus, eine ehemalige Gestapo-Zentrale, die heute eine NS-Gedenkstätte ist, und spricht dabei über die historischen Verbindungen zwischen der deutschen und der türkischen Vernichtungspolitik.

          Ein Raubüberfall wird ihm zur Last gelegt

          Nachdem er die Türkei neunzehn Jahre lang gemieden hatte, wagte Akhanli im August 2010 eine Reise in sein Geburtsland, weil sein Vater im Sterben lag. Bei seiner Einreise am 10. August wurde er noch auf dem Istanbuler Flughafen wegen der angeblichen Teilnahme an einem 1989 erfolgten Raubüberfall auf eine Wechselstube in Istanbul verhaftet und in das Hochsicherheitsgefängnis in Tekirdag verbracht – ein Vorgang, den er später in der Kurzgeschichte „Sibirien“ verarbeitete. Nach übereinstimmender Ansicht war das Vorgehen der Behörden politisch motiviert. Nach Aussage seines Anwalts sei Akhanli zum Tatzeitpunkt nachweislich nicht in der Türkei gewesen.

          Schriftstellerfreunde wie Günter Wallraff und Edgar Hilsenrath, Verbände und linksorientierte Politiker protestierten gegen die Inhaftnahme und nahmen als Beobachter am Prozess teil. Am 8. Dezember 2010 wurde Akhanli aus der Untersuchungshaft entlassen, da kein dringender Tatverdacht mehr bestehe; die Fortführung der Verhandlung war zunächst für März 2011 geplant und wurde dann auf den Juni 2011 vertagt. Vor seiner Rückreise nach Köln besuchte Akhanli sein Geburtsdorf und stellte in Istanbul sein neues Buch „Fasil“ (2010) vor, in dem er das unbarmherzige polizeiliche Verhör eines Linksintellektuellen während der türkischen Diktatur in den Mittelpunkt stellte.

          Die Türkei kann sich jetzt vierzig Tage Zeit lassen

          Im Oktober 2011 sprach ihn Gericht in Istanbul vom Vorwurf des Raubes und des Raubmordes frei, im April 2013 wurde der Freispruch aufgehoben. Nachdem Dogan Akhanli Ende Juli 2013 nicht zum Auftakt des zweiten Prozesses erschienen war, der nach der Aufhebung des Freispruichs nötig geworden war, erließen die Richter einen internationalen Strafbefehl gegen Akhanli.

          In Spanien wurde Akhanli mit einer von der Türkei veranlassten Red Notice bei Interpol verhaftet. Gegen seine Auslieferung kann Deutschland nur diplomatisch vorgehen. „Das Auslieferungsverfahren läuft direkt zwischen Spanien und der Türkei“, sagte eine Sprecherin des Bundesjustizministeriums an diesem Sonntag. Gemäß dem Europäischen Auslieferungsübereinkommen habe die Türkei nach der Festnahme vierzig Tage Zeit, einen Auslieferungsantrag zu stellen.

          Der deutsche Außenminister Sigmar Gabriel hat die Freilassung Akhanlis begrüßt. „Es wäre schlimm, wenn die Türkei auch am anderen Ende Europas erreichen könnte, dass Menschen, die ihre Stimme gegen Präsident Erdogan erheben, in Haft geraten würden“, erklärte Gabriel an diesem Sonntag.

          Zunächst in den Händen der spanischen Justiz

          „Ich habe vollstes Vertrauen in die spanische Justiz und weiß, dass unsere Freunde und Partner in der spanischen Regierung wissen, um was es geht“, sagte Gabriel. Er hatte am Samstagabend in dieser Sache mit seinem spanischen Amtskollegen telefoniert. Aus dem Auswärtigen Amt war zu hören, der Geschäftsträger der Botschaft in Madrid habe an der Anhörung Akhanlis vor der Audiencia Nacional teilgenommen.

          Das Auslieferungsverfahren läuft einstweilen weiter und liegt zunächst in den Händen der spanischen Justiz. Nur für den Fall, dass diese eine Auslieferung an die Türkei für zulässig hält, entscheidet die spanische Regierung über eine Auslieferung Akhanlis an die Türkei. Das Verfahren kann viele Wochen dauern. Akhanli darf Spanien für die Dauer des Verfahrens nicht verlassen.

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