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Türkei : Entsetzen nach der Razzia

Gedenken an den vor einem Jahr ermordeten Hrant Dink in Istanbul Bild: REUTERS

„Ergenekon“ nennt sich der geheime Zirkel in der Türkei, auf dessen Todesliste unter anderem Orhan Pamuk steht. Viele türkische Intellektuelle erkennen erst jetzt, wie nah sie die ganze Zeit ihren potentiellen Mördern waren.

          Jedes Mal, wenn in der Türkei ein politischer Mord begangen wurde, mutmaßten Politiker und Medien über Verschwörung und einen „versteckten Staat im Staate“. Doch wirkliche Beweise, dass es tatsächlich eine organisierte Gruppe gibt, die die Annäherung der Türkei an Europa und die Emanzipation der Minderheiten sabotieren möchte, gab es nicht. Längst drohten die Mutmaßungen über den Verschwörerzirkel deshalb zum Mythos zu werden. Vielen galten sie gar als Polemik ewiger Nörgler und als Ablenkungsmanöver einer unzulänglich arbeitenden türkischen Justiz.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Nach einer Polizeiaktion hat die türkische Öffentlichkeit nun tatsächlich einen Namen der Verschwörer: „Ergenekon“ nennt sich der geheime Zirkel, zu dem neben einem bekannten Rechtsanwalt auch hohe Militärs gehören sollen (Die Attentatsliste: Wer Orhan Pamuk töten wollte). Viele türkische Intellektuelle realisieren erst jetzt, wie nah sie die ganze Zeit ihren potentiellen Mördern waren: „Ohne es zu wissen, habe ich meinem vermeintlichen Mörder zugelächelt“, schreibt etwa der türkische Journalist Fehmi Koru in seiner Kolumne in der türkischen Zeitung „Today's Zaman“. Neben Intellektuellen wie dem Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk gehört er zu jenen, die nach dem Willen von „Ergenekon“ umgebracht werden sollen.

          Der Krieg dauert noch an

          Koru war der Erste, der in der Öffentlichkeit von einer Geheimorganisation namens „Ergenekon“ sprach. Im Jahr 2001 war dem Journalisten ein Dokument zugespielt worden, das von der Gründung des Zirkels berichtet. Es gehe darum, dem Staat zu seinen kemalistischen Wurzeln zurückzuverhelfen, schrieben die Autoren darin. Denn nicht allein fremde Mächte wollten die türkische Republik zugrunde richten, sondern auch eine im Inland agierende Gruppe verfolge dieses Ziel. „Im Jahr 1914 war Istanbul eine Stadt, in der es Geheimagenten in Hülle und Fülle gab; ihre Helfer fanden sie in der lokalen Bevölkerung. Nur so waren sie erfolgreich bei der Umsetzung ihrer Ziele.

          Heute ist das ganz genauso. Der Krieg dauert noch immer an. Es gibt nur ein Ziel in diesem Krieg: die Zerstörung der türkischen Republik durch Teilung und Fragmentierung ihres Volkes“, zitiert Koru aus dem Text. In einem anderen Papier, das dem Journalisten ebenfalls zugespielt wurde, sei es um Einschüchterungsmethoden gegangen und darum, dass das Band zwischen der Türkei und der Europäischen Union zerschnitten werden müsse. Die Kader der Organisation sollten deshalb die Kontrolle über zivile Organisationen und auch über die Medien erlangen und - wenn nötig - ihr Einverständnis zu politischen Morden geben.

          Ein bekanntes Gesicht

          Er sei damals unsicher gewesen, ob das Dokument echt und ernst zu nehmen sei, schreibt Koru. Und: „Ich hätte niemals gedacht, dass dieselbe Gruppe sechs Jahre und viele Entwicklungen später mich zu einem ihrer Ziele machen könnte.“ Einem von ihnen saß Koru einmal gegenüber. Im Januar 2004 begleitete er Ministerpräsident Tayip Erdogan nach Washington. Zum Programm gehörte ein Empfang bei einem türkischen Verein. Sein Tisch sei nicht weit von dem des Ministerpräsidenten entfernt gewesen, erinnert sich Koru.

          Als er im Saal umherblickte, entdeckte er ein ihm bekanntes Gesicht und grüßte - ohne sich jedoch an den Namen des Mannes zu erinnern. Sein Sitznachbar klärte ihn schließlich über die Identität des Unbekannten auf: Veli Kücük, ein pensionierter General. Wie die türkische Polizei herausgefunden hat, gehörte auch er zu „Ergenekon“. Der vor einem Jahr ermordete armenisch-türkische Journalist Hrant Dink hatte Kücük beschuldigt, ihn bedroht zu haben.

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