Kolumne „Import Export“ :
Bei X,Q,W ins Gefängnis

Von Ronya Othmann
Lesezeit: 3 Min.
Menschen demonstrieren am 31. Juli 2021 in Istanbul gegen Rassismus, nachdem sieben Mitglieder einer kurdischen Familie in Konya erschossen worden waren.
In der Türkei wurde die kurdische Kultur seit der Staatsgründung mit Gewalt unterdrückt. Die Folgen sind bis heute zu spüren – auch in Deutschland.

Es gibt eine Türkei fernab von Sandstränden, All-Inclusive, von den malerischen Straßen Istanbuls und der viel gelobten Gastfreundschaft. In dieser Türkei waren die Buchstaben X, Q, W von 1928 bis 2013 verboten, weil sie im kurdischen, nicht aber im türkischen Alphabet vorkommen. In dieser Türkei konnte man für einen Buchstaben ins Gefängnis kommen. Die kurdische Sprache wurde so brutal verfolgt, dass Frauen, die unter Geburtswehen ihre kurdische Muttersprache sprachen, aus dem Kreißsaal geworfen wurden. In dieser Türkei genügte es, unbedacht grüne, gelbe, rote Wäsche (die kurdischen Farben) auf die Leine zu hängen, um verhaftet zu werden. Ebenso war die traditionelle kurdische Kleidung verboten. In dieser Türkei wurden in den Neunzigern Tausende Zivilisten getötet; viele verschwanden in Foltergefängnissen oder wurden auf offener Straße erschossen. Das Militär zerstörte Tausende kurdische Dörfer. In dieser Türkei suchen Menschen bis heute die Knochen ihrer Angehörigen.

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