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Kommentar zu Geld von Facebook : Egoaltruismus

Sollte ein Unternehmen wie Facebook wirklich der Sponsor für ein Projekt wie dieses sein? Bild: Reuters

Die Münchner TU gründet ein Institut für Ethik in der Künstlichen Intelligenz. 6,5 Millionen Euro kommen dafür von Facebook. Und das ist leider kein Witz.

          Die besten Witze kommen derzeit von der TU München, sie sind nur leider ernst gemeint. Gerade hat die Münchner Universität ein Institut für Ethik in der Künstlichen Intelligenz aus der Taufe gehoben. 6,5 Millionen Euro kommen dafür von Facebook. Hört man richtig? Über die manipulativen Praktiken von Facebook ist in den vergangenen Jahren so viel bekannt geworden, dass der Münchner Deal nicht einmal mit der wohlwollenden Unterstellung von Naivität erklärt werden kann.

          Die Harvard-Ökonomin Shoshana Zuboff hat kürzlich auf siebenhundert Seiten beschrieben, wie Facebook seine Kunden ungefragt zu Versuchstieren in einem realen Menschenexperiment macht. Beispielsweise hat das Unternehmen Tausende australische Schüler ohne deren Wissen ausspioniert, um emotionale Schwächephasen zu erkennen und darüber den idealen Moment für Kaufanreize zu ermitteln. So viel zum Thema Ethik. Facebook werde keine Vorgaben für das TU-Institut machen, heißt es wie üblich. Offenbar soll man daran glauben, dass das börsennotierte Unternehmen mit den investierten 6,5 Millionen Euro rein moralische Interessen verfolgt.

          Einen Ethik-Preis von der Fifa verdient

          Dem Leiter des neuen Instituts, Christoph Lütge, sollte es möglich sein, diese Sichtweise zu verteidigen. Der Wirtschaftsprofessor Christian Kreiß weist auf ein Zitat aus Lütges Buch „Wirtschaftsethik“ (2017) hin: „Man kann das Eigeninteresse – innerhalb der geeigneten Rahmenordnung – gewissermaßen als eine ,moderne Form der Nächstenliebe‘ begreifen ... Es gilt also nicht mehr der traditionelle Gegensatz zwischen gutem, altruistischen Verhalten und schlechtem Egoismus.“ Es wäre nur noch zu klären, warum Facebooks Betrugspraktiken der Allgemeinheit dienen.

          In die Kritik ist die TU schon einmal geraten, als sie im Februar 2018 eine Kooperation mit der Dieter-Schwarz-Stiftung unterzeichnete, die dem Gründer des Lebensmittelkonzerns Lidl gehört. Dreizehn BWL-Professoren der TU unterrichten seither am Campus in Heilbronn, wo der Konzern und die Stiftung ihren Sitz haben, und werden von der Stiftung bezahlt. Das macht sie nicht zu Unternehmenssprechern. Aber an der ebenfalls am Campus Heilbronn ansässigen Dualen Hochschule Baden-Württemberg hat man mit der Uneigennützigkeit der Stiftungjedoch Erfahrung gesammelt. So sorgte der ehemalige DHBW-Präsident Reinhold Geilsdörfer, der während seiner Amtszeit Beraterhonorare von der Stiftung bezog, dafür, dass immer mehr Institute der dezentralen Hochschule gegen heftigen Widerstand am Unternehmenssitz Heilbronn konzentriert wurden. Heute ist Geilsdörfer Geschäftsführer der Stiftung. Wenn der Münchner Deal also einen Ethik-Preis verdient, dann von der Fifa.Facebooks

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

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