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Tsitsi Dangarembga verurteilt : Triumph der Willkür

Die Schriftstellerin Tsitsi Dangarembga in Harare. Bild: EPA

Das Korruptionsgericht von Simbabwe hat die Schriftstellerin Tsitsi Dangarembga wegen Aufruf zur Gewalt schuldig gesprochen. Das groteske Urteil zeigt auch, wie realitätsnah ihre Bücher sind.

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          Wenn man in letzter Zeit über die simbabwische Schriftstellerin Tsitsi Dan­garembga las, ging es selten um ihre Romane, sondern meist um die Tatsache, dass die Autorin schon seit zwei Jahren in ihrem Heimatland vor Gericht steht und dort bis heute gut dreißigmal erscheinen musste. Mit der Mitangeklagten Julie Barnes hatte die 1959 in Mukuto geborene Dangarembga friedlich protestiert und auf einem Plakat schlicht „ein besseres Simbabwe“ gefordert. Das reichte für eine Anklage. Nun ist in diesem ewigen Prozess, in dem es vermutlich um nichts anderes ging, als Regierungskritikerinnen wie Dangarembga und Barnes einzuschüchtern und zu schwächen, ein Urteil gefallen. Die Autorin, der von der Staatsanwaltschaft Anstiftung zur Gewalt, Friedensbruch und Bigotterie vorgeworfen wurden, ist in allen Punkten schuldig gesprochen und zu einer sechsmonatigen Haftstrafe auf Bewährung verurteilt worden. Außerdem muss Tsitsi Dangarembga 70 000 Simbabwe-Dollar zahlen, das entspricht rund 200 Euro.

          Anna Vollmer
          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Es ist ein ungerechtfertigtes und bitteres Urteil, auch weil es beweist, wie nah Dangarembgas Bücher, die, wie ihr Roman „Verleugnung“, der nun auf Deutsch erschienen ist, oft von Diskriminierung und Willkür handelnd, an der Wirklichkeit sind. Nur hätte es diesen Beweis nicht gebraucht. Denn für ihren genauen Blick ist Dangarembga längst berühmt und ausgezeichnet worden. Als die BBC im Jahr 2018 108 Kritiker und Schriftsteller nach den ihrer Meinung nach weltweit einflussreichsten Ge­schichten fragte, wählten diese Dangarembgas „Aufbrechen“ auf den 66. Platz (den ersten belegte Homers „Odyssee“). Kurz vor ihrer Anklage im Jahr 2020 wurde Dangarembgas Roman „Überleben“ für den Booker Prize nominiert, ein Jahr später erhielt sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

          Die Aufmerksamkeit, die mit all diesen Preisen einherging, ist in zweierlei Hinsicht ein Glück: Für die inzwischen auch in Deutschland berühmte Schriftstellerin, die auf Spenden angewiesen ist, um die hohen Anwaltskosten des langen Verfahrens zu stemmen. Und für ihre deutschen Leser, die die Romane der Autorin nun nach langer Zeit (teilweise: wieder) in Übersetzung lesen können.

          Der fehlende Teil der Trilogie erscheint auf Deutsch

          Nachdem der erste und der dritte Teil von Dangarembgas Trilogie über die Protagonistin Tambudzai Sigauke, die versucht, sich in Simbabwe aus einfachen Verhältnissen hochzuarbeiten, schon im Orlanda Verlag erschienen sind, kommt mit „Verleugnen“ nun auch der fehlende zweite Teil auf Deutsch heraus. Er schildert Tambus Schuljahre an der elitären Klosterschule „Young Ladies’ College of the Sacred Heart“, die hauptsächlich von Weißen besucht wird, und ihre ersten Schritte in der Berufswelt.

          Die Geschichte Tambus setzt Ende der Siebzigerjahre ein. In Simbabwe, das damals noch „Rhodesien“ heißt, herrscht Bürgerkrieg. Schwarze Guerillas kämpfen gegen die weiße Regierung und deren Kolonialherrschaft. Mit Erfolg: 1980 wird Robert Mugabe zum Präsidenten gewählt und Simbabwe endgültig von Großbritannien unabhängig. Im Land herrscht kurzzeitig Aufbruchsstimmung – doch an der Situation einer jungen schwarzen Frau wie Tambu, so die Kurzform von Tambudzai, ändert sich wenig. Ihr Alltag ist von Rassismus und Ausgrenzung geprägt, die politische Situation hat einen Riss durch die Familie gezogen: Tambus Onkel, der seine Nichte auf eine Schule voller Europäerinnen schickt, gilt als Verräter an Landsleuten und Familie, die, wie Tambus Schwester, gegen die Weißen kämpft.

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