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Tschingis Aitmatow : „Der Imperialismus kann auch positive Seiten haben“

  • Aktualisiert am

Autor und Diplomat: Tschingis Aitmatow Bild: picture-alliance / dpa

Nach den Unruhen im März hat Kirgistan jetzt seinen Präsidenten gewählt. Im Interview spricht Tschingis Aitmatow, Schriftsteller und Botschafter in Brüssel, über Rußland, Eurasien, Stalin und die Toleranz seiner Heimat.

          5 Min.

          Rußland hat in Georgien, der Ukraine und auch in Kirgistan die gestürzten Machthaber gestützt. Welche Rolle spielt es in Zentralasien?

          Die Beziehungen zu Rußland bleiben in jedem Fall eine Priorität für uns. Wir leben und denken in einer aus zwei Welten zusammengesetzten Wahrnehmung, der europäischen und der asiatischen. Das ist Eurasien. Aber viele haben keine Vorstellung davon, was Eurasien ist - ein geographischer Raum, ein politischer Begriff? In meiner Auffassung ist Eurasien unser Zentralasien mit einem europäischen Kiel im Ozean - dieser Kiel ist Rußland. Von Zentralasien nach China ist es nur ein Schritt, dennoch ist uns die chinesische Lebensweise fremd. Wir befinden uns in der Umlaufbahn einer anderen Zivilisation.

          Deren Kern immer Rußland sein wird?

          Ich habe die Überzeugung gewonnen, daß Kolonialismus und Imperialismus auch positive Seiten haben können, daß jedenfalls der russische Einfluß in Zentralasien vorteilhaft war. Rußland hat mit seinem kolonialen Ambitionen viele progressive Beiträge für die Entwicklung unserer Gegenden geleistet. Nur durch den russischen Kolonialismus gelang uns in Zentralasien der Eintritt in die allgemeine Zivilisation. Rußland ist und bleibt der Kern, um den die eurasische Achse kreist. Wir sind Menschen einer Zivilisation. Die Bildung einer eurasischen Wirtschaftsunion, die aus einigen Staaten Zentralasiens und Rußlands besteht, wäre deshalb folgerichtig.

          Sie leben und arbeiten schon seit Jahren in Brüssel ...

          Ja, und ich glaube, die EU ist die höchste politische Errungenschaft der Menschheit. So etwas hat es in der Geschichte nicht gegeben. Daran müssen wir uns orientieren, auch wenn es vielleicht ein Jahrhundert dauern wird, bis wir das wirtschaftliche und politische Niveau der EU erreichen. Ich weise in Kirgistan oft auf das Modell der Europäischen Union hin. Manche Leute behaupteten, ich wolle unser Land den Interessen Usbekistans unterordnen. Leider verstehen bei uns viele Leute noch nicht, daß Wohlstand unmöglich ist, wenn die Nachbarn hungern. Es genügt, als Vergleich Afghanistan heranzuziehen, das nie eine Kolonie und immer auf sich allein gestellt war. Das ist heute noch ein barbarisches Land.

          Barbarisch wurde es dort nach 1979, als die sowjetische Armee Afghanistan überfiel.

          Mit einer solchen Sicht bin ich nicht einverstanden. In Afghanistan hatte nicht nur die Sowjetunion den verhängnisvollen Weg der Einmischung betreten. Aber was Rußland Zentralasien an zivilisatorischem Fortschritt gebracht hat, und zwar schon vor der Gründung der Sowjetunion, darf man auch nicht vergessen. Andernfalls sähe es bei uns heute aus wie in Afghanistan.

          Viele ehemalige Sowjetrepubliken wehren sich gegen Versuche russischer Bevormundung. Die Republik Moldau etwa, wo Rußland die Parlamentswahlen im März massiv zu beeinflussen versucht hat.

          Dort geht es um territoriale Interessen, wie auch in Georgien mit Abchasien. Das ist eine bedrückende Angelegenheit.

          Wird Kirgistan auf Dauer für die Russen und die russischsprachigen Minderheiten wie Ukrainer, Tataren oder Weißrussen eine Heimat sein?

          Auf jeden Fall. Kirgistan ist das toleranteste Land in Zentralasien und wird es bleiben. Wir sind daran interessiert, daß die Minderheiten bei uns bleiben. Es ist traurig, daß die Deutschen uns verlassen haben und daß so viele Russen gehen.

          In Ihrem Buch "Kindheit in Kirgisien" beschreiben Sie die russische Sprache als Ihre Eintrittskarte in die große Welt der Literatur. Wird man diese Sprache in 50 Jahren noch sprechen in Kirgistan?

          Ich glaube ja. Das ist eine Ressource. Wer wird das freiwillig aufgeben wollen? Natürlich dominiert die englische Sprache in der Welt. Dennoch ist Russisch weiter eine Weltsprache, es hat eine eigene Rolle und Funktion. In der Sowjetunion war die russische Sprache auch eine Grundlage für die Entwicklung der kirgisischen Sprache.

          Sie haben einmal gesagt, wenn die Perestroika erfolgreich gewesen wäre, hätte eine Sowjetunion nach dem Muster der EU entstehen können.

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