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Bild der Woche : Beweisfoto eines Staatsverbrechens

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Die „Friedensfahrt“ kommt in Kiew an, Mai 1986. Bild: Ullstein

Am 26. April 1986 geschah die Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl. Nur Tage später startete die Friedensfahrt in Kiew. Der Bevölkerung wurde die Gefahr verschwiegen.

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          Die Friedensfahrt – genannt die „Tour de France des Ostens“ – startete im Jahr 1986 in Kiew. Dieser Wettbewerb fand damals zum ersten Mal in der Sowjetunion statt. Es wurden als Signal für Perestroika und Öffnung sogar Sportler aus „kapitalistischen“ Ländern erwartet. Als der Startschuss gegeben wurde, war Kiew jedoch bereits seit zehn Tagen in den Weltnachrichten „geöffnet“ und auf der Weltkarte präsent, als die größte Stadt in der Umgebung von Tschernobyl, dem Ort der Reaktor-Explosion.

          Nur die Kiewer Bevölkerung wusste nicht viel davon. Einer der vielen ideologischen Gründe, warum die Regierung die realen Gefahren verschwieg, war die Friedensfahrt. In der Zeit dieser Fahrt begann der Zerfall des ideologischen Denksystems. Radioaktivität durchfraß den Eisernen Vorhang wie die Motten einen alten Stoff.

          Auf dieser Momentaufnahme biegen die Radrennfahrer in eine Kurve ein, begleitet von Motorrädern und Autos. Den Hauptboulevard Kiews, den sechsspurigen Kreschtschatik, my love, der jedem Spazierenden gerade und flach erscheint, empfindet man hier als etwas steil und kurvig. Trick eines Sportfotografen? Die Perspektive schlägt einen Bogen an einem langen Prachthaus entlang und spannt den Raum an wie die Sportler ihre muskuläre Energie. Große Mengen festlich gekleideter und ungeschützter Menschen stehen an den Rändern der beiden Straßenseiten.

          Das Banner „4.–6. Mai Friedensfahrt 1986!“ ist über die Straße gespannt. Es sind die allerersten Sekunden des Rennens. Von hier aus geht es über Polen und die DDR bis zur Finaletappe nach Prag am 22. Mai. Über den Köpfen, wie ein Segen, sind die runden Wappen aller Sowjetrepubliken und pflanzenförmiger Leuchtschmuck befestigt – die damalige Werbung für das schöne Leben.

          Und es ist wirklich prächtig in Kiew Anfang Mai. Die großen Kastanien blühen, auch wenn man ihre Blütenstände nicht sehen kann. Nur eine Straßenlaterne ragt stellvertretend mit ihren Lampenblüten aus dem Laub.

          Auf dieser Straße stand die Zeit schon mehrere Male still, und mehrmals dachten die Menschen hier, dass das Leben niemals mehr werde wie zuvor. Es ist eine Nachkriegsstraße, aus der Zeit vor dem Krieg ist hier nichts geblieben. Auch die legendären Laternen im Stalinschen Klassizismus wurden erst Ende der vierziger Jahre gebaut, als die Straße noch in Ruinen lag. Die Kastanien prägen das Wappen der Stadt und werden in der Kiewer Hymne besungen, die früher als Erkennungsmelodie zu jeder Stunde aus einem Türmchen mit einer großen Uhr über die Straße läutete, jahrzehntelang.

          Das Haus mit der Uhr ist hier vom Laub verdeckt. Diese Uhr hat Tschernobyl, Perestroika, und alle anderen Zeiten überlebt und verbrannte 2014 beim Kampf um den Maidan. Seitdem gibt es keine Uhr und keine Zeit über dieser Straße.

          Strahlende, erpresste Sieger

          Der Hauptheld dieses Fotos ist nicht Olaf Ludwig, der Friedensfahrt-Gewinner, der als „strahlender Sieger“ gefeiert und verspottet wurde. Er erinnerte sich daran, wie er die Absagen vieler Mannschaften wahrgenommen hat. DDR-Funktionäre aber drohten ihm für den Fall einer Verweigerung mit dem Ende seiner Karriere. Er erinnert sich auch daran, dass die Straßen von riesigen Lastwagen mit Wasser gespült wurden und dass es überhaupt keine Kinder gab, die sonstigen Begleiter aller Straßenfeste.

          Der wahre Held dieses Foto ist die unsichtbare Gefahr, die man hier nicht spürt und nicht findet. Wir sehen ein Dokument der Unsichtbarkeit. Weder das chemische Material des Films noch das Sujet des Fotos sind in der Lage, das Geschehen zu registrieren. Die Häuser brennen nicht, die Menschen sind nicht verletzt, die radioaktiven Teilchen zerfressen das Fotomaterial nicht. Aber die Menschen, die auf der Straße stehen, sind in Gefahr, sie sammeln die Radioaktivität im Laufe der Zeit. Die Zeit läuft gegen sie.

          Aber sie werden sich erinnern: An die Lügen der Führung, an die Evakuierung Hunderttausender, an den Wind, der bereits seit ein paar Tagen Richtung Kiew wehte, an die verspätet ausgebrochene Panik, mit Menschenmassen auf dem Bahnhof und Eltern, die ihre Kinder in abfahrende Züge hineinquetschen. Dies ist ein Beweisfoto für das Verbrechen einer Regierung, die Normalität simulierte, auf Kosten von wehrlosen Menschen.

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