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Tschechische Geschichte : Gespaltene Erinnerung

Rauch steigt in Lidice (Tschechien) aus den Ruinen der Häuser auf (Foto vom 10.06.42). 173 Männer starben am 10. Juni 1942 im Kugelhagel von Lidice. Bild: dapd

In der Tschechischen Republik streiten Historiker und Regierung über Geschichtsbilder. Die Leiterin der Gedenkstätte Lidice musste gehen, weil sie auch an eine verratene Jüdin erinnern wollte.

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          Vojtěch Kyncl ist verärgert: „Frau Lehmannová hat nichts anderes gemacht, als den Ergebnissen historischer Forschung vertraut“, sagt der Historiker der Tschechischen Akademie der Wissenschaften. Das musste Martina Lehmannová allerdings teuer bezahlen. Sie ist nicht mehr Leiterin der Gedenkstätte Lidice, die an den Massenmord erinnert, den die Nationalsozialisten im Juni 1942 in dem Dorf in der Nähe von Prag begangen haben. Der tschechische Kulturminister Lubomír Zaorálek hatte die Historikerin, so schreibt diese selbst in einer persönlichen Erklärung, am 20. Januar zu sich bestellt und vor die Wahl gestellt: Entweder sie trete freiwillig zurück, oder er werde sie abberufen.

          Lehmannová musste ihren Posten räumen, weil sie in Lidice auch an Štěpánka Mikešová erinnern wollte. Über die Geschichte der Jüdin, die noch vor dem Massaker nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde, berichtet Historiker Kyncl Beklemmendes: Die junge Frau sei von einer Dorfbewohnerin verraten worden. Es sei um persönliche Streitigkeiten gegangen: „Sie hat sich geweigert, weiter kostenlos Kleider zu nähen.“

          Selektive Empathie

          Weil der Gendarm Evžen Ressl sein Journal erst im Dezember 1945 geschrieben hat, zieht der Historiker Vojtech Šustek die Quelle in Zweifel. Kyncl und die geschasste Gedenkstättenleitern haben jedoch auch Jaroslava Skleničková auf ihrer Seite. Die letzte lebende Zeugin des Massakers missbilligte im Fernsehen das Vorgehen des Kulturministers.

          Dieser begründet sein Vorgehen mit „fehlender Empathie“ Lehmannovás gegenüber den Opfern und deren Angehörigen. Diese Einschätzung ist schon deswegen merkwürdig, weil sich die letzte Überlebende für die frühere Leiterin stark macht. Noch bedenklicher erscheint jedoch, was Minister Zaorálek im Wochenmagazin „Respekt“ sagte: „Ich beurteile die Direktorin nicht danach, wie sie forscht. Es geht darum, wie sie sich gegenüber den Überlebenden verhält.“

          Man muss wissen, dass der Ortsverband Lidice des „Tschechischen Bundes der Kämpfer für die Freiheit“ (ČSBS), der vehement die Entlassung Lehmannovás gefordert hat, kein reiner Opferverband ist, sondern ganz bestimmte politische Ziele verfolgt. Vorsitzende der ČSBS-Sektion Lidice ist Jana Bobošíková. Sie machte sich einst als populistische Politikerin und Präsidentschaftskandidatin einen Namen. Und der nationale ČSBS-Vorsitzende Jaroslav Vodička war Agent der kommunistischen Staatssicherheit und sorgte 2016 für Aufsehen, als er ausgerechnet im Konzentrationslager Theresienstadt von Migranten als einer Bedrohung sprach.

          In kommunistischer Tradition

          Der Historiker Jaromír Mrňka vom Prager Institut für das Studium totalitärer Regime sagt, der Vorgängerverband des heutigen ČSBS sei ein Teil des kommunistischen Machtapparats gewesen. „Er hat die Überlebenden organisiert, Literatur herausgegeben und an offiziellen Gedenkakten teilgenommen.“ Nach 1989 hat der Nachfolgeverband eine Erinnerungskultur beibehalten, die viel Raum für Heldenerzählungen, aber wenig Platz für die Auseinandersetzung lässt, inwiefern auch Tschechen mit den nationalsozialistischen Besatzern zusammengearbeitet haben.

          Entsprechend reagieren der ČSBS und seine Verbündeten in der heutigen Kommunistischen Partei und verschiedenen rechtspopulistischen Subjekten sehr heftig, wenn junge Historiker das Narrativ der Tschechen als reine Opfer auswärtiger Mächte in Frage stellen. Wer das tue, betreibe die „Umschreibung der Geschichte“, lautet der Vorwurf, den sie auch im Fall Lidice erheben. Diese Strömungen sind einflussreicher denn je. Die Kommunisten stützen seit 2018 die tschechische Regierung. Historiker Mrňka sagt, der tschechische Geschichtsdiskurs sei sehr politisiert. Nach wie vor bestehe in Bezug auf die Protektoratszeit von 1939 bis 1945 eine Forschungslücke, weil viele Historiker nach 1989 zunächst damit beschäftigt waren, sich mit der emotional stärker im Gedächtnis präsenten kommunistischen Herrschaft zu beschäftigen.

          Wie hitzig in der Tschechischen Republik über die Vergangenheit debattiert wird, verdeutlicht auch eine vergangene Woche entbrannte Kontroverse über das zukünftige Prager Museum der Erinnerung an das zwanzigste Jahrhundert: Mikuláš Kroupa, Leiter des Zeitzeugenprojekts „Gedächtnis der Nation“, trat aus dem Aufsichtsrat des Museums zurück und deutete politischen Einfluss auf das Gremium an. Hier haben aber definitiv nicht Apologeten des kommunistischen Regimes ihre Hände im Spiel. Unter den Ratsmitgliedern sind drei liberal-konservative Politiker. Der zurückgetretene Kroupa ist Sohn des früheren Dissidenten Daniel Kroupa.

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