https://www.faz.net/-gqz-9w8iv

Amerikas öffentliche Gebäude : Auf einmal wünscht Trump es klassisch

  • -Aktualisiert am

„Dignity, enterprise, vigor and stability” strahen die Bauten der Gründervätergeneration aus. Donald Trump eher nicht. Bild: dpa

Die Fassade wahren: Unter dem Titel „Make federal buildings beautiful again” will Donald Trump amerikanischen Gebäuden ein klassisches Aussehen verordnen. Sein Geschmack als Bauunternehmer nimmt sich anders aus.

          2 Min.

          Manche Ereignisse sind so ungeheuerlich, dass andere beunruhigende Meldungen zu Fußnoten verkommen. Kaum eine Zeitung, die gestern nicht das gescheiterte Impeachment-Verfahren gegen Trump kommentierte. Angesichts dieser neuen Schaltstufe des Spiels „Wir kennen die Wahrheit, bevorzugen aber, sie weiträumig zu umfahren“ wirkt bloß als weiteres symbolpolitisches Ornament, was die internationale Architektenschaft gerade empört: Laut Informationen der Zeitschrift „Architectural Record“ bereitet das Weiße Haus eine Exekutivorder unter dem Titel „Make federal buildings beautiful again” vor, in der Trump für alle Bundesbauten ab einer gewissen Größe eine Rückkehr zum „klassischen Architekturstil“ vorschreibe.

          Damit würden die berühmten Leitlinien für staatliches Bauen verabschiedet, die Senator Daniel P. Moynihan einst für John F. Kennedy festschrieb: „Ein offizieller Stil muss vermieden werden“, hieß es dort. Doch das war gar nicht einfach. Noch bis in die dreißiger Jahre hinein hatten amerikanische Stadtplaner wie Robert Moses, etwa mit dem berühmten Volksbad in den Rockaways, selbst bei allen öffentlichen Bauten einen homogenen, monumentalen Backstein-Stil kultiviert – als baulicher Ausdruck des mächtigen Wohlfahrtsstaats, der sich auch optisch gegen den Druck privater Interessen im Stadtbild behaupten sollte. Damals wurde das als Versuch gelobt, im kapitalistischen Wildwuchs privater Großbauten sichtbar zu machen, wo in der Stadt ein Ort ist, der allen gehört.

          Mit der Goldpulverdose überzuckert

          Erst mit dem Aufkommen des pompösen Staatsstils kommunistischer Länder etwa unter Stalin wurde auf der anderen ideologischen Seite Individualität im Baustil zum Ausdruck westlicher Freiheit erklärt. Gleichzeitig neigten die Architekten auch im freien Westen zu symbolpolitischer Uniformität: Glas etwa, obwohl jede reale Permeabilität verhindernd, galt als bauliches Äquivalent von „Offenheit“, ebenso waren alle Bauten der jungen Bundesrepublik vom Bemühen geprägt, das Offene und Bescheidene des neuen Staats ins Bild zu setzen: der Kanzler wohnte im Bungalow, das Kanzleramt duckte sich in einen Park, so dass es aussah, als ob Deutschland aus einem Waldstück heraus regiert werde.

          Auf welches gebaute Staatsbild steuert Amerika jetzt zu? Der Bauunternehmer Trump selbst ist nicht mit strengem Klassizismus, sondern mit aufgemotzten modernen Hochhäusern bekannt geworden. Sein eigenes Apartment ließ er bald von boudoirmodern auf Louis-n‘importe-goes-Safari ummöblieren und mit der großen Goldpulverdose überzuckern. Als Verfechter des calvinistisch reduzierten, asketisch weißen Klassizismus der amerikanischen Gründervätergeneration, der, so heißt es im Entwurf, moralische Tugenden wie „dignity, enterprise, vigor and stability” darstelle, kennt man Trump eher nicht; dass ausgerechnet er, der sonst in keinem Feld besonders energisch bemüht ist, die Fassade zu wahren, nun den Fassaden seiner Bundesbauten einen einheitlichen architektonischen Ausdruck moralischer Qualitäten verordnen will, gehört zu den zahlreichen bizarren Volten seiner Regentschaft.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Sie prügeln Schwangere

          FAZ Plus Artikel: Belarus : Sie prügeln Schwangere

          Lukaschenka wollte die Proteste in Belarus nach alten Mustern niederschlagen. Er suchte nach Männern, die er einsperren kann. Nun stehen ihm weibliche Anführer gegenüber. Ein Gespräch mit der Historikerin Svetlana Babac.

          Topmeldungen

          Deutsche Alpen: Auch Urlaub in den eigenen Staatsgrenzen kann erholsam sein.

          Corona-Risikogebiete : Wo dürfen wir Urlaub machen?

          Immer mehr Urlaubsländer werden zum Corona-Risikogebiet. Strengere Quarantäne-Regeln machen das Reisen noch unangenehmer. Und die Kontrollen werden schärfer.
          Aserbaidschanische Soldaten schießen auf die Kontaktlinie der selbsternannten Republik Nagornyj Karabach – Aufnahme aus Filmmaterial, das das aserbaidschanische Verteidigungsministerium am Sonntag veröffentlicht hat

          Konflikt um Nagornyj Karabach : Jeder feiert seine Erfolge

          Bei den neu entflammten Kämpfen in Nagornyj Karabach ist die Propaganda ein wichtiges Mittel. Doch die Parteien erhalten auch international Hilfe – aus Russland und der Türkei.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.