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Künstler in Tripoli : Wie überlebt Kultur in einer sterbenden Stadt?

  • -Aktualisiert am

Blick auf Tripoli und den Hafen an der Mittelmeerküste vom Hügel der Zitadelle Qal’at Sinjil Bild: Maria Klenner

Tripoli war ein kulturelles Zentrum in Libanon – vor dem Bürgerkrieg. Jetzt werden hier ständig Proteste, Straßensperren oder Schießereien gemeldet. Aber ein paar Künstler der Stadt geben nicht auf.

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          In den Hinterhöfen von Mina trocknet die Wäsche. Hühner picken nach Essbarem auf dem Boden, durch die Fenster wehen Wortfetzen der Fernsehnachrichten in die Gassen, in denen an diesem Nachmittag nur ein paar Männer mit Wasserpfeifen vor den wenigen Bars sitzen, in denen es Alkohol gibt. Ganz in der Nähe liegt das Café von Nadine Deeb. Das „Warche 13“ ist in kurzer Zeit zu der Adresse geworden, die als Erstes genannt wird, wenn man in Tripoli nach dem sucht, was von dem einstigen Ruf der Stadt als kulturelles Herz im Norden Libanons noch übrig ist.

          Lena Bopp
          Redakteurin im Feuilleton.

          „Haben wir Strom?“, ruft Nadine in das schöne Gewölbe ihres Ladens, als sie ankommt. Aber gerade gibt es keinen, also leuchten wir mit unseren Handys auf die Speisekarte und staunen über die Preise: 35.000 Lira für einen Milchkaffee. Das sind nach dem Schwarzmarktkurs nur gut zwei Dollar. Aber für die meisten Libanesen, die nicht an Devisen kommen und in heimischer Währung bezahlt werden, ist das ein Vermögen. Die Wirtschaft ist wie der Wert der Landeswährung zusammengebrochen. Fast drei Viertel der Menschen in der Hafenstadt im Norden Libanons leben laut Schätzungen unter der Armutsgrenze.

          Tripoli ist in der kollektiven Wahrnehmung Libanons schon lange so etwas wie das ungeliebte Stiefkind. Im Laufe des Bürgerkrieges wurde die Stadt von den Syrern besetzt und war lange vom Süden und der Hauptstadt abgeschnitten. Später, als in Syrien der Aufstand gegen Baschar al-Assad ausbrach, schlossen sich viele sunnitische Kämpfer aus Tripoli islamistischen Milizen jenseits der Grenze an, was die Stadt in den Ruf brachte, eine Brutstätte für Extremisten zu sein. Tripoli ist ärmer, härter und abgehängt. In diesen Tagen kommen ständig Meldungen über Proteste, Straßensperren oder Schießereien aus der Stadt. Aber was heißt das für Menschen wie Nadine Deeb, die versuchen, den Rest des kulturellen Lebens dieser einst blühenden Metropole vor dem Untergang zu bewahren?

          Eine Geschichte aus der aktuellen Ausgabe des Magazins der F.A.Z. „Frankfurter Allgemeine Quarterly“

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          Vor ein paar Jahren hat sie die Ersparnisse von ihrem früheren Job bei einer UN-Organisation in das „Warche 13“ gesteckt. Es gab es dort immer wieder Jamsessions, Abende mit arabischer Folkmusik und Poetry-Slams. Nadine ist stolz, dass es ihr gelungen ist, Jazzmusiker, die in Beirut auftraten, das traditionell alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, auch nach Tripoli zu locken – bevor Pandemie und Wirtschaftskrise die Situation vieler Libanesen noch schlimmer machten. „Ist Kultur noch eine Priorität?“, fragt sie selbst und zuckt die Schultern. „Tripoli ist eine Klassengesellschaft.“ Die Reichen leben an der Küste, vorzugsweise in Mina, dem alten Christenviertel, in dem auch ihr Café liegt. Die Armen bleiben im Stadtzentrum rund um den Tell, den berühmten Uhrenturm. „Ich diene einer bestimmten Schicht. Ich wäre gerne auch für die Benachteiligten da, aber ich fürchte mich davor.“ Jetzt sei nicht die richtige Zeit, um sich am Tell zu engagieren. „Aber wird die richtige Zeit je kommen? Ich weiß es nicht.“

          Nadine Deeb vor ihrem Kulturcafé „Warche 13“ in Tripoli
          Nadine Deeb vor ihrem Kulturcafé „Warche 13“ in Tripoli : Bild: Maria Klenner

          Auch ihr Traum, in Tripoli wieder ein Theater zu eröffnen, liegt auf Eis. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren gab es gleich mehrere, ebenso wie Cafés, Casinos und dreißig Kinos, über die der Historiker Hady Zaccak kürzlich erst ein etwa drei Kilo schweres Buch mit vielen Bildern veröffentlicht hat. Darunter ein Foto vom „Colorado“, dem legendären Art-déco-Kino mit Sitzen für neunhundert Leute, in dem Gloria Gaynor aufgetreten sein soll. Oder Fotos, die zeigen, dass es hier früher einmal eine Straßenbahn gab. Moderne Autos vor Häusern aus osmanischer Zeit. Einen Bahnhof, in dem der Orientexpress hielt, mit dem man über Syrien und die Türkei bis nach Mitteleuropa reisen konnte. Selbst einen eigenen Flughafen gab es in der Stadt.

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