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Nach dem Triell bei RTL : Trifft eine Tanzlehrerin einen Scheinriesen

Die Bescheidwisser: Frauke Ludowig, Günther Jauch, Influencerin Louisa Dellert, Micky Beisenherz, Motsi Mabuse und Nikolaus Blome (von links). Bild: RTL/ntv

Beim Triell der Kanzlerkandidaten macht RTL zunächst eine passable Figur. Doch in der Plauderrunde danach geht es drunter und drüber und wird richtig absurd.

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          Armin Laschet hat sich am besten behauptet beim Triell der Kanzlerkandidaten auf RTL. Das sagen die Leser von FAZ.NET: 43 Prozent der Umfrageteilnehmer sehen ihn klar vorn, 26 Prozent denken, Olaf Scholz sei am besten gewesen. Oder doch nicht? 36 Prozent von 2500 angeblich repräsentativ Ausgewählten einer Forsa-Umfrage meinen, wie es bei RTL und ntv nach dem Triell hieß, Scholz habe „alles in allem gewonnen“. Von Annalena Baerbock sagten dies dreißig Prozent, von Armin Laschet 25 Prozent. Das heißt? Die Bild-Zeitung weiß es genau: „Debatten-Debakel für Laschet. Klarer Sieg für Scholz im TV“.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          So einfach ist das also: Annalena Baerbock, Armin Laschet und Olaf Scholz debattieren mehr als anderthalb Stunden im Fernsehen, füllen einstudierten Rollen aus, werden von den Moderatoren Pinar Atalay und Peter Kloeppel ab und an aus der Reserve gelockt, und dann – zieht jemand ein paar Zahlen aus dem Hut. Plötzlich wissen alle, was sie gesehen haben: einen strahlenden Sieger, von dem es zuvor hieß, er sei vor sich hin „gedieselt“, eine kompetente Herausforderin, bei der man zuvor Schwächen ausgemacht hatte, und den Unterlegenen im Bunde, dem man zugutegehalten hatte, dass er kämpferisch auftrat. Perfekte Suggestion per Scheinevidenz: Drück mir einen Zettel mit ein paar Zahlen in die Hand, dann läuft die Sache.

          Wie war das noch mit Sachsen-Anhalt?

          Erinnert sich noch jemand an die Umfragen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt? Ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen CDU und AfD hatten die Institute prognostiziert, am Ende lagen zwischen den beiden Parteien sechzehn Prozentpunkte. Doch das ist vergeben und vergessen bei diesem Triell, in dem RTL und ntv als Ausrichter zunächst einen guten Eindruck hinterlassen, den sie anschließend mit der Sendung „Baerbock, Laschet, Scholz – Wer war am besten?“ wieder ausradieren. Denn da sitzen bei Frauke Ludowig fünf Leute beisammen, deren gemeinsame Qualifikation darin besteht, dass sie „irgendwas mit Medien“ machen: Günther Jauch, die Tanzlehrerin und „Let’s Dance“-Jurorin Motsi Mabuse, die Bloggerin Louisa Dellert, der Moderator Micky Beisenherz und der RTL/ntv-Politikchef Nikolaus Blome. Letzterer hat den Part der journalistischen Analyse, Jauch und Beisenherz gehen auf Pointenjagd, Louisa Dellert erscheint das Ganze zu wenig „lösungsorientiert“, und Motsi Mabuse befasst sich mit der Körpersprache der Kandidaten. Annalena Baerbock findet sie fantastisch (dabei kamen uns deren Bewegungen wie ihre Einlassungen am einstudiertesten vor), Armin Laschet hingegen „aggro“ (Stichwort von Jauch): „Ich habe immer das Gefühl, er schimpft.“ Sie stelle sich vor, sie müsse mit so jemandem im Büro arbeiten, da sehe sie gleich, was los ist. So etwas komme in Deutschland gar nicht gut an.

          Es ist schon klar, dass es bei einer Wahlkampfshow wie dem Triell erst in zweiter Linie um Argumente und politische Inhalte geht. Diese werden zwar mit Inbrunst gefordert, sind aber nicht wirklich verlangt. Für die Kandidaten gilt es, ihre Anhänger zu bestärken und Unentschlossene zu beeindrucken. Es zählt der persönliche Auftritt. Und die Beurteilungen gehen weit auseinander. Dürften wir bei der Beurteilung desselben aber wenigstens, auch bei RTL, um etwas weniger Boulevard-Flachsinn und cheerleaderhaftes Die-mag-ich-und-den-mag-ich-nicht bitten? Um etwas mehr als das geht es bei der Bundestagswahl schon.

          Das Triell bei RTL hatte übrigens phänomenale Einschaltquoten: „11,48 Millionen verschiedene Zuschauerinnen und Zuschauer ab 3 Jahren“ haben es gesehen, teilt RTL mit. Die Talkrunde im Anschluss kam auf 7,89 Millionen. Ist das nicht umwerfend? Ist es nicht. Das sind Nettozahlen. Sie benennen die Menge derjenigen, die eines der RTL-Angebote im Laufe des Abends einschalten. Im Schnitt kam das Triell bei RTL und ntv zusammen auf 5,6 Millionen Zuseher, das Geplauder danach auf 4,2 Millionen. Mit Blick auf sechzehn Millionen Zuseher im Schnitt beim Duell Merkel gegen Schulz vor vier Jahren ist das bescheiden und nicht der Sensationserfolg, den der Sender mit dem Zahlengeschiebe suggeriert. Das passt zu diesem Abend, nach dem sich Scholz als Kanzler fühlen darf. Was für ein Sieg! Man könnte aber auch sagen: Scheinriese bei RTL gesichtet, und tanzen kann er auch nicht.

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