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Anschlag von München 2016 : Rassismus ist keine Ideologie, sondern eine Krankheit

  • -Aktualisiert am

Blumen und Kerzen liegen am 24.07.2016 vor dem Olympia-Einkaufszentrums in München. Zwei Tage zuvor verübte ein junger Mann einen Terroranschlag mit Toten und Verletzten. Auch Can Leyla gehörte zu den Opfern. Bild: dpa

Neun Menschen wurden beim Anschlag im Münchner Olympia-Einkaufszentrum vor vier Jahren ermordet. Einer von ihnen war Can. Erinnerung an meinen Sohn, der Opfer dieses Terrorakts wurde. Ein Gastbeitrag.

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          Es ist nun vier Jahre her. In diesen vier langen Jahren blieb mein Schmerz wie am ersten Tag. Nicht ein einziger Tag ist seither vergangen, ohne dass ich mich an meinen Sohn Can erinnerte, und kein Tag ist vergangen, an dem ich nicht weinte. Mit ihm fehlt mir auch ein Teil von mir. Um seinen Verlust zu überstehen, habe ich versucht, weiterhin seine Mutter zu bleiben.

          Lieber Can, ich habe mich an den schönen Gefühlen festgehalten, die ich durch dich erleben durfte. Meine Erinnerungen an dich haben mir Kraft gegeben. Ich halte sie fest und werde sie niemals loslassen. Du bist immer bei mir, in meinem Körper, in meiner Seele, wenn ich esse, trinke, lache oder weine. Du hast mich so viel Stolz fühlen lassen. Jede Erinnerung an dich soll lebendig bleiben. Egal wie viel Schlechtes es auch gibt auf der Welt, jedes Gesicht eines Kindes, welches so schön lachen kann wie du, verhilft dieser Welt zu Hoffnung und dazu, ein lebenswerter Ort zu sein. Dessen bin ich mir sehr sicher, und wir werden niemals vergessen, warum du nicht mehr bei uns bist – niemand soll es vergessen. Schlafe du nur in Frieden. Diejenigen, die der Menschheit Böses antun wollen, werden nicht erreichen, was sie wollen. Diese Erde ist ein riesiger Planet. Ich bin der Ansicht, dass jeder Mensch überall auf der Welt über sein Leben und seinen Glauben frei bestimmen sollte. Ich wurde daran erinnert, dass der Terror in dieser Welt unabhängig von Rasse, Sprache und Religion ist.

          So lange gibt es kein Vertrauen

          Unsere Familiengeschichte reicht in diesem Land fünfzig Jahre zurück. Wir haben hier einen Beitrag geleistet und wir haben hier Rechte, auf die wir niemals verzichten werden. Wir lassen es nicht zu, dass dies ignoriert oder vergessen wird. Den Rassisten sage ich: Es wird schwierig sein, mit euch zusammenzuleben, in diesem Land, in dem etwas in Unordnung geraten ist. Aber wir sind hier. Ich bin davon überzeugt, dass es Tausende von Menschen gibt, die dieselbe Einstellung haben wie ich. Es gibt für uns kein Land, für das wir kämpfen. Unser Land ist die Welt.

          Ihr habt uns keine Angst gemacht, ihr habt uns nicht zum Schweigen gebracht, ihr werdet uns niemals zum Schweigen bringen. Wir werden hier bleiben und weiter leben. Unsere einzige Schuld ist es, ein Mensch zu sein, und wir werden immer wieder daran erinnern, welches Unrecht uns angetan wird.

          Als Mensch und als Mutter von Can komme ich meiner Verantwortung nach und sage euch, dass Fehler gemacht wurden. Es war von Anfang an offensichtlich, dass dies ein Terrorakt war und kein Amoklauf. Von offizieller Seite hat man die Menschen verwirrt und zunächst darauf bestanden, dass es ein Amoklauf war. Aber das hat die Wahrheit nicht verändert. Und nach drei Jahren wurde leise und in kurzen Sätzen verkündet, dass es doch ein Terroranschlag war. Das war nicht sehr überzeugend!

          Neun junge Menschen sind nach so einem großen Angriff im Frühling ihres Lebens gestorben. Man hat die Akten geschlossen und so getan, als sei es ein einfacher und gelöster Fall. Man gab sich im Prozess gegen den Waffenhändler, der dem Attentäter die Waffe verschaffte, mit unglaubwürdigen Aussagen zufrieden und hat mit dieser leichtsinnigen Einstellung seine eigene Unfähigkeit zur Schau gestellt. Ich werde nicht aufhören, ständig darauf hinzuweisen. Denn so lange man mit Terrorakten auf diese Weise umgeht, sie nicht restlos aufdeckt, so lange gibt es kein Vertrauen in den Staat bei Rassismus. So gibt man dem Terror weiterhin die Möglichkeit, eine ernsthafte Bedrohung in der Welt zu sein. Mit dieser Haltung konnten auch die Terrorakte in Halle oder Hanau nicht verhindert werden.

          Aufruf an die Verantwortlichen

          Wie lange wird man das noch zulassen? Wie viele Menschen müssen noch sterben bei geltendem Recht und Gesetz? Ich habe einen Artikel gelesen, ein sehr guter, wie ich finde. Darin heißt es, dass Rassismus keine Ideologie ist, sondern eine psychische Krankheit. Man toleriert hier das Fortschreiten dieser Krankheit. Das muss aufhören! Wir sind eine Menschenfamilie und wir sollten uns miteinander verbunden fühlen und uns umarmen. Wir sollten nicht spalten, provozieren oder ausgrenzen. Wir sollten unsere guten Absichten zeigen. Wir sind alle Menschen. Kein Mensch kommt als Rassist auf die Welt, es wird ihm beigebracht.

          Religion, Sprache, Nation – bringt euren Kindern bei, dass all das keinen Unterschied macht. Schafft eine Welt, in der die Kinder beschützt und umsorgt sind, sie sich nicht allein oder abgewertet fühlen müssen, dass sie ein Recht darauf haben, individuell und bunt zu sein. So wird eine Generation möglich, die liebesfähig ist und kein Platz mehr ist für Hass und Unterdrückung.

          Eines möchte ich noch sagen, bevor ich aufhöre. Deutschland ist ein demokratisches Land. Hier nutze ich mein demokratisches Recht und rufe die Verantwortlichen dazu auf, ihre Arbeit zu machen. Erst wenn alle Täter, Mittäter und Komplizen ermittelt und bestraft sind, werde ich die von offizieller Seite bekundeten Beileidsworte glauben. Andernfalls ist für mich das geäußerte Mitgefühl nicht aufrichtig.

          Sibel Leyla ist die Mutter von Can Leyla, der im Alter von vierzehn Jahren am 22. Juli 2016 bei einem rechtsgerichteten Anschlag im Olympiaeinkaufszentrum in München getötet wurde. Wie Can waren die meisten Opfer Teenager. Diesen Text hat Sibel Leyla vergangene Woche bei einer Gedenkfeier zum vierten Jahrestag des Attentats vorgetragen. Wir veröffentlichen ihn in leicht veränderter Form.

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