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Muslimisch-jüdische Kolumne : Der Koran kennt viele Geschlechter

  • -Aktualisiert am

Meron Mendel und Saba-Nur Cheema Bild: David Bachar

Debatten über Transgender finden überall statt. Im Judentum und im Islam sind sie durch Widersprüche gekennzeichnet.

          5 Min.

          Zum Auftakt des Pride Month im Juni hatte „Die Welt“ einen umstrittenen Beitrag von fünf Gastautoren veröffentlicht, die dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk Indoktrination und Sexualisierung von Kindern vorwerfen. Demnach würden „Transaktivisten“ die Macht über Medien und Politik übernehmen. Wir sind sicherlich keine Experten für Genderfragen, aber die Feindseligkeit hat uns nicht kaltgelassen. Es gab noch mehr davon: In einem fünfzigseitigen Dossier wollten die Autoren belegen, dass die Berichterstattung in die Hände von „Queer-/Lobbygruppen“ geraten sei. Der Geheimplan bestehe darin, den Boden für die angekündigte Reform des Transsexuellengesetzes zu bereiten.

          Den dazugehörigen Aufruf „Schluss mit der Falschberichterstattung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks!“ unterzeichneten rund 120 Wissenschaftler. Sogar Springer ging das zu weit: Drei Tage später distanzierte sich der Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner von dem Gastbeitrag, den er als „unterirdisch“ und „bestenfalls grob einseitig“ bezeichnete. Als Protest auf das „Einknicken“ vor „der Tyrannei der woken Aktivisten“ kündigte wiederum die „Bild“-Journalistin Judith Sevinç Basad.

          Das war freilich nicht die erste Diskussion über Transmenschen, die die Gemüter bewegt. Auch die Autorin J. K. Rowling wurde wegen ihrer Äußerungen angefeindet. Im Sommer 2020 hatte sie auf Twitter einen Artikel verlinkt, in dem es um „menstruierende Menschen“ ging, mit dem abfälligen Kommentar: „Ich bin sicher, dass es früher ein Wort für diese Menschen gab. Kann jemand helfen?“ Damit machte sie sich über inklusive Formulierungen lächerlich, der Shitstorm zeigte aber auch, mit welcher Aggressivität die Gegenseite reagiert: In den sozialen Medien kursierten Morddrohungen, Aktivisten verbrannten Harry-Potter-Bücher. In Blogs wurde diskutiert, ob Transmenschen noch Harry-Potter-Bücher kaufen sollten.

          Wie so häufig ist es eine laute Minderheit, die auch bei berechtigten Anliegen den falschen Weg einschlägt. Identitätspolitische Themen werden bisweilen verbissen debattiert. Doch beobachten wir, dass um dieses Thema besonders erbittert gestritten wird. Als mit Nyke Slawik und Tessa Ganserer (beide Bündnis 90/Grüne) erstmals zwei Transpersonen in den Bundestag eingezogen, war das für viele eine Provokation. Die stellvertretende AfD-Fraktionsvorsitzende Beatrix von Storch sagte in einer Rede: „Wenn Ganserer Rock, Lippenstift, Hackenschuhe trägt, dann ist das völlig in Ordnung. Es ist aber seine Privatsache. Biologisch und juristisch ist und bleibt er ein Mann.“ Auch das feministische Magazin „Emma“ beklagte, dass mit Ganserer ein Mensch, „der physisch und rechtlich ein Mann“ sei, einen Frauenquotenplatz besetze.

          Vor einiger Zeit begegnete uns das Thema beim Sommerfest unseres Sportvereins. Es wurde heiß diskutiert, wie man mit dem Mädchen umgehen solle, das als Junge geboren wurde und nun mit den körperlichen Fähigkeiten eines Jungen gegen Mädchen antritt. Einige Eltern hatten Sorge, dass ihre Töchter es wegen der unfairen Konkurrenz nicht mehr auf das Siegerpodest schaffen würden. Monate später hat sich die Aufregung gelegt, nachdem sich herausstellte, dass sich die Leistungen des Transmädchens eher im Mittelfeld bewegen. Auch im professionellen Sport wird das Thema debattiert. Im März verbat der Weltradsportverband UCI der Britin Emily Bridges die Teilnahme an nationalen Meisterschaften, weil sie einmal ein Mann war. Ihre Teilnahme könnte die Fairness des Wettkampfes gefährden.

          Wie wird eigentlich diese Debatte in unseren Herkunftsländern geführt? Interessanterweise können Israel als auch Pakistan in der Sache punkten – wenn auch sehr unterschiedlich. 1998 schrieb die israelische Sängerin Dana International Geschichte: Sie war die erste (und bis heute letzte) Transfrau, die den Eurovision Song Contest gewann. Zu Hause war der Stolz auf die Siegerin überwältigend. Sie wurde in die Knesset eingeladen und wurde von den Parlamentariern gefeiert. Nur eine Handvoll ultraorthodoxe Knesset-Abgeordnete wichen der Begegnung mit der Sängerin aus. Nicht überraschend, dass sie den Untergang der jüdischen Kultur beklagten. Auch die israelische Armee gilt als Vorbild für die Akzeptanz von Transmenschen. Schon vor etwa einem Jahrzehnt absolvierte der Transmann Ofer Erez eine Offizierslaufbahn. Inzwischen stehen Transmenschen (fast) alle Türen offen, vom Aufklärungsdienst bis zum Piloten. Auch wenn aktuell die religiösen Kräfte in der israelischen Gesellschaft gegen Gleichberechtigung von Transmenschen sind, ist das Judentum an sich nicht grundsätzlich transfeindlich. Vielmehr ist der Umgang mit Transgender im Judentum wie im Islam in Theorie und Praxis durch Widersprüche gekennzeichnet.

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