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Toxische Männlichkeit : Zarte Männer braucht das Land

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Altherrenhumor nach dem vierten Bier

So lange es Frauen gibt, die all das tolerierend mit solchen Männern zusammenbleiben, werden Männer nachwachsen, die den Frauen genug Grund geben, #metoo zu hashtaggen. Der Kreislauf muss aufbrechen. Und die feingliedrigen Jungs sind die Geheimzutat in dem neuen DNA-Strang, der dann entstehen könnte.

Vielleicht ist ja das Konzept einer alleinerziehenden Mutter sogar oft besser für die Erziehung eines frei denkenden Jungen als ein vermeintlich intaktes Familienmodell mit einem „Echten Mann“, dessen Verhornungen sich unwiderruflich in das Kind reinschreiben.

Wie viele Jungs haben wir schon an die vermeintliche „Männlichkeit“ verloren, weil wir sie nicht so zart haben wollten, wie sie doch eigentlich sind?

Wie viele Chauvinisten wollen wir noch erziehen, und uns später über sie beschweren? All die Rimbauds, die Van Goghs, die Kafkas, all die Lustknaben, die gern auch #metoo gehashtagged hätten – all jene, die schon als Kinder durchlässig, emphatisch waren – entweder sind sie an der Welt zerbrochen, oder sie wurden zu dem, was man heute „normaler Mann halt“ nennt, und lebten all die Kränkungen später an anderen aus. Die wenigsten haben ihr fragiles Dasein allen Anfeindungen der „normalen“ Welt zum Trotz erhalten können, während die „Echten Männer“ und „Echten Frauen“ besseres zu tun hatten, als diese Geschöpfe als das anzunehmen, was sie sind: Die nächste Wegmarke beim Aufstieg zu einer besseren Menschheit.

Wir müssen die Peter Pans beschützen!

Es scheint, als wären die Millenials diesbezüglich ein guter Wurf. Jetzt gilt es, das zu erhalten und sie nicht zu verderben.

Und wir müssen sie beschützen, die Peter Pans, von denen die Generation alpha prototype inzwischen schon so viele hervorgebracht hat.

Sonst haben wir das gleiche Ergebnis wie immer: Jungs, die nach ihrer Erziehung im besten Fall so viele Besuche beim Psychologen brauchen, dass man von dem Geld locker eine Kreuzfahrt hätte machen können. Ein verunsicherten Mann mehr, der gar nicht mehr weiß, was man jetzt eigentlich darf oder und was nicht, pro forma ein Feminismus-T-Shirt im Schrank hängen hat, um am Ende auch dafür immer wieder mit dem eigenen Geschlecht aneinander zu geraten. Im schlimmsten wächst aber wieder so ein „Mann-Mann“ nach, und am Ende will niemand die Schuld tragen. Aber mit dem Finger auf ihn zeigen wollen alle. Erst schreien sie „Man up, boy“, und dann sagen sie „In den Ausschnitt gucken is aber nich!“

Ich begrüße euch, Mütter, die ihr das jetzt lest, und denkt: ich mache das ganz anders und fühle mich null angesprochen.

Ich weiß, es gibt euch da draußen, so wie meine Freundin Karina. Als ihr Erstgeborener in der Kostümkiste des Kindergartens ein Kleid fand und von da an nur noch dieses Kleid tragen wollte, zuckte sie nicht mit der Wimper, als er ihr, unter den starrenden Augen der Kindergärtnerinnen, in diesem Traum aus rotem Tüll majestätisch die Treppe entgegen schritt. Ich gebe zu, als der gleiche Sohn zwei Wochen später fasziniert von Absperrband und Baggern war, war sie auf gewisse Weise erleichtert.

Und niemals das Fliegen verlernen

Jedoch nicht, weil sie nicht mehr damit hätte umgehen müssen, dass der Sohn vielleicht schon mit drei seine Homosexualität entdeckt hätte, sondern weil sie sah, dass seine Prägungen keine Grenzen kannten. Und so wird er, was auch immer er werden will. Und sie wird seine Stärken fördern, aber nicht seine männlichen Attribute. Und er wird ein Peter Pan. Jemand, der das Fliegen niemals verlernt.

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