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Glosse zur Männlichkeit : In dieser Welt eben doch ersetzlich

Ich will ’nen Cowboy als Mann: Mitunter trägt das Inbild der Männlichkeit auch einen Hut. Bild: Picture-Alliance

Endlich hat die Wissenschaft die Leiden des Mannes für sich entdeckt: Ein Ratgeber für Psychologen widmet sich dem lange überschätzten Geschlecht. Ob es hilft?

          Es ist nicht leicht, ein Mann zu sein. Das hat nun auch die Wissenschaft erkannt. Weil tradierte Männerbilder nach Auffassung der American Psychological Association (APA) schädlich sind, hat sie einen Ratgeber für Psychologen herausgegeben, wie mit dieser gepeinigten Spezies umzugehen sei: „Guidelines for Psychological Practice with Boys and Men“. Zuvor gab es nur Richtlinien für den Umgang mit Homosexuellen, ethnischen Minderheiten, Transpersonen sowie Mädchen und Frauen. An die Männer hatte einfach noch niemand gedacht. Nun widerfährt ihnen endlich Gerechtigkeit.

          Alle Psychologen sind nunmehr vorbereitet für den Fall, dass ein Mann vor ihrer Tür stehen sollte. Also ein richtiger Mann, der samstags im verschwitzten Unterhemd zum Baumarkt fährt und dort einen Profi-Bohrhammer kauft. Jener Typus, dem zuletzt auch ein Rasierklingenhersteller die Grillrechte entziehen wollte, was die Kastrationsängste mancher Artgenossen schürte. Dieser Mann soll aus dem Sumpf toxischer Männlichkeit gezogen werden, in dem er sich bisher selbstzufrieden suhlte. Den Wissenschaftlern zufolge ist er nämlich dem Untergang geweiht, wenn er sich kampflos seiner sozialen Rolle ergibt. Alles Weibliche in sich und um sich herum verachtend, zeigt er keine Schwäche, sucht Abenteuer, Risiko und Gewalt, stets bereit, sich mit Nebenbuhlern zu messen. Im strengen Korsett seiner Ideologie gefangen, lässt er sich bereits im Klassenzimmer von den Mädchen intellektuell überholen und wird darüber zum Störenfried.

          Beginnt dem Schüler von einst erst der Bart zu sprießen, ist er schon ein Kandidat fürs Gefängnis: Er und seinesgleichen stellen in Deutschland 94 Prozent derjenigen, die Freiheitsstrafen verbüßen. Doch nicht nur die Justiz beraubt den Mann seiner Jahre, auch die Natur tut das Ihre dazu. Denn zu allem Überfluss sterben Männer im Durchschnitt fünf Jahre früher als Frauen. Da ist es nur ein schwacher Trost, dass sie immer noch mehr soziale und ökonomische Macht haben.

          Allein, der Preis für das Privileg der Macht ist hoch. Um es zu sichern, unterwirft der Mann sich einer sexistischen Ideologie, die ihn wiederum in seiner Anpassungsfähigkeit beschneidet. Der Sexismus sei Nebenprodukt, Verstärkung und Rechtfertigung seines Privilegs, heißt es. Seiner sozialen Rolle verpflichtet, macht der Mann sich aber letztlich auch verwundbar. Denn er tut immer genau das, was ein „richtiger“ Mann tun muss. Das macht ihn berechenbar. Zumindest für die Frauen.

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