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Tom Cruise und Stauffenberg : Die entsicherte politische Korrektheit

  • -Aktualisiert am

Zum heiligen Ort verklärt? Der Bendlerblock Bild: dpa

Scientology ist ein widerlicher Verein und Tom Cruise kein guter Schauspieler. Doch der gefühlte Triumph über die Scientologen, den die Befürworter von Drehverboten feiern, ist eine Niederlage für den Rechtsstaat. Von Heinrich Wefing.

          Berthold Graf von Stauffenberg, der Sohn des Hitler-Attentäters, war einer der Ersten, die sich gegen das Vorhaben gewandt haben, die Geschichte des 20. Juli mit dem Hollywoodstar Tom Cruise in der Hauptrolle zu verfilmen. In der „Süddeutschen Zeitung“ erklärte Stauffenberg, ihm sei die Vorstellung „unsympathisch“, dass „ein bekennender Scientologe meinen Vater spielt“ (siehe: Stauffenbergs Sohn gegen Tom Cruise).

          Das ist verständlich. Natürlich wünschte man sich in einer großen Hollywoodproduktion über die „Operation Walküre“ einen talentierteren Darsteller für den Mann, der sein Leben gegeben hat, um den Tyrannen zu beseitigen, als ausgerechnet Cruise. Und selbstredend ist Scientology ein widerlicher Verein, der ob seiner totalitären Tendenzen nicht nur vom Berliner Verfassungsschutz beobachtet wird. Doch mit der vorsichtigen Formulierung, Cruise in der Rolle des Attentäters sei ihm „unsympathisch“, hat Stauffenbergs Sohn beiläufig, aber sehr genau die Kategorie getroffen, in der über das Projekt „Valkyrie“ gestritten werden kann. Es ist eine Frage des historischen und künstlerischen Geschmacks.

          Veritabler Skandal

          Zum Politikum, ja zum veritablen Skandal wird der Vorgang nicht durch Cruises Sektenzugehörigkeit. Sondern durch die entsicherte politische Korrektheit, mit der sich Abgeordnete und Beamte auf die Sache gestürzt und Dreharbeiten am Originalschauplatz untersagt haben, im Bendlerblock, in dessen Hof Stauffenberg in der Nacht zum 21. Juli 1944 erschossen wurde. Man dürfe den Ort nicht seiner Würde berauben, erklärte ein Sprecher des Bundesfinanzministeriums, dem die Liegenschaft gehört. Und Antje Blumenthal, die Sektenexpertin der CDU, jubilierte darob: „Ich freue mich, dass wir eine Drehgenehmigung für einen ranghohen Scientologen in einem Bundesgebäude verhindern konnten.“ Angesichts solcher Äußerungen hat Florian Henckel von Donnersmarck in dieser Zeitung drastisch von „deutscher Verbotsgeilheit“ gesprochen (siehe: Donnersmarck: Deutschlands Hoffnung heißt Tom Cruise). Schlimmer noch: Der gefühlte Triumph über die Scientologen ist eine Niederlage für den Rechtsstaat.

          Keine Behörde kann nach Gutdünken entscheiden, auch nicht das Bundesfinanzministerium. Selbst das Hausrecht im Bendlerblock untersteht der Verfassung. Sich auf die Würde des Ortes zu berufen, die vermeintlich durch die Dreharbeiten bedroht sei, wäre nur dann ein Argument, wenn Aufnahmen für Spielfilme dort generell untersagt wären. Das wäre eine klare Regel, die den Bendlerblock geradezu zum heiligen Ort überhöhte. Nur gibt es keine solche Regel. Jo Baier hat just in dem Hof, in dem die Verschwörer erschossen wurden, vor ein paar Jahren seinen hochgelobten Fernsehfilm „Stauffenberg“ gedreht - offenkundig, ohne den Ort zu entweihen. Dass sich das „Valkyrie“-Team am selben historischen Ort anders, eventuell ungebührlich verhalten werde, darauf gibt es bislang keinen einzigen Hinweis.

          Schlichte, strenge, schöne Worte

          Eines der Fundamente des Rechtsstaates ist der Satz, dass Gleiches auch gleich behandelt werden muss. Alles andere ist Willkür. Solange Scientology also nur vom Verfassungsschutz beobachtet, aber nicht vom Bundesverfassungsgericht verboten wird, so lange darf die Weltanschauung des Tom Cruise, wie kraus sie auch sein mag, keine Rolle spielen, auch nicht bei Marginalien wie einer Drehgenehmigung. Das sagt das Grundgesetz in schlichten, strengen, schönen Worten, in deren Entschiedenheit die furchtbaren Erfahrungen mit der Diktatur bis heute nachklingen.

          Sehr pathetisch formuliert, ist Stauffenberg für die Freiheit gestorben. Sein Andenken zu ehren heißt auch, diese Freiheit hochzuhalten. Sogar, wenn sie von amerikanischen Schauspielern mit abseitigen Weltanschauungen in Anspruch genommen wird.

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