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Meinungsfreiheit an der Uni : Toleranz im geschlossenen Zirkel

Einer der Brennpunkte der Debatten über Redefreiheit an Hochschulen : die Frankfurter Goethe-Universität Bild: Daniel Vogl

Eine Studie belegt überraschend große Bereitschaft von Studenten der Sozialwissenschaft, die Meinungsfreiheit einzuschränken. Wie kommt es dazu?

          3 Min.

          Der Streit um Rede- und Meinungsfreiheit, der in den vergangenen Jahren die Hochschulen schüttelte, wurde von der Pandemie jäh unterbrochen. Die Atempause war vielleicht gar nicht so schlecht, denn in den teils peinigenden Debatten hatten sich die Universitäten, einst Pioniere der Redefreiheit, den Ruf einer Avantgarde der Intoleranz eingehandelt. Der aus dem angloamerikanischen Raum kommende Trend, Redner unter dem Mikroskop auf ihre Gesinnung zu prüfen, führte auch an deutschen Universitäten zu Auftrittsverboten, Rücktrittsforderungen und Veranstaltungen, die im Tumult endeten. In Zweifel gezogen wurde, dass die Eskalationen repräsentativ für die Hochschullandschaft seien.

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          Die Frankfurter Goethe-Universität war ein Brennpunkt des Geschehens. Bei einem Podium über das Kopftuch flogen sogar die Fäuste, weil fleißige Diskurswächter auf dem Podium eine Brutstätte rechten Denkens witterten. Mit guten Gründen haben die Sozialwissenschaftler Matthias Revers und Richard Traunmüller die Frankfurter Universität deshalb für ihre Studie über mutmaßliche Beschränkungen der Redefreiheit an Hochschulen gewählt, die in der „Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie“ (Band72, Ausgabe3, September 2020) erschienen ist. Wenn an der bis heute als Hochburg der Kritischen Theorie, zumindest in ihrer Vulgärform, geltenden Universität keine Begrenzung der Meinungsvielfalt zu beobachten sei, so ihre Überlegung, dann sei zu vermuten, dass es sie auch nirgendwo sonst gebe.

          Doch es gab sie. Die Befragung von knapp tausend Studenten überwiegend aus dem linken Spektrum brachte den alarmierenden Befund, dass ein beträchtlicher Anteil von Studenten mit anderen Meinungen nicht konfrontiert werden will. Ein Drittel bis die Hälfte der Befragten sind dagegen, Redner mit abweichenden Meinungen zu den am meisten umstrittenen Themen Islam, Geschlecht und Zuwanderung an der Hochschule zu dulden. Noch höher ist der Anteil derer, die solchen Personen keine Lehrbefugnis geben würden, wiederum ein Drittel will ihre Bücher aus den Bibliotheken verbannen. Nun kann man über Aussagen wie die, dass es zwischen Männern und Frauen biologisch begründete Begabungsunterschiede gebe oder dass der Islam mit europäischen Werten nicht kompatibel sei, unterschiedlicher Meinung sein, aber dafür muss man zum Streit bereit sein.

          Die Toleranz für andere Ansichten war unter den sich als links bezeichnenden Studenten deutlich geringer als im konservativen Spektrum. Groß ist auf beiden Seiten die Bereitschaft, sich als Opfer zu fühlen. Ein Drittel der Befragten klagte über Konformitätsdruck bei politisch umstrittenen Themen und gab an, die eigene Meinung in solchen Fällen zurückzuhalten oder nur mit Unbehagen zu äußern.

          Flucht ins Abstrakte

          Über die Reichweite ihrer Stichprobe machen sich die Autoren keine falschen Vorstellungen, sie sehen sie als Ausgangspunkt weiterer Untersuchungen, die sich erübrigt hätten, wenn es in Frankfurt Entwarnung gegeben hätte. Zwar ergab die Studie immer noch eine liberale Mehrheit, doch die große Zahl derer, die keine abweichenden Meinungen aushalten, werten die Autoren als Hypothek für eine Institution, die auf dem freien Austausch der Argumente beruht, und als besorgniserregenden Befund für die Sozialwissenschaften.

          Was sind die Ursachen? Zieht man äußere Einflüsse ab, ist das in erster Linie der Verfall kritischer Maßstäbe, welcher der überhandnehmenden Tendenz geschuldet ist, den Wert einer Aussage allein an der Herkunft des Sprechers zu bemessen. Wie wenig die gewachsene Aufmerksamkeit für Sprecherpositionen mit intellektuellen Kriterien vermittelt wird, verdeutlicht ein Frankfurter Seminar in den Geschlechterstudien, bei dem der Wert einer Aussage an der Zahl der Hautpigmente festgemacht wurde, wie Sabri Deniz Martin in dem Buch „Freiheit ist keine Metapher“ (Querverlag, 2019) berichtet. Ein Erdogan, der damit all seiner europäischen Kritiker ledig würde, dürfte sich ins Fäustchen lachen.

          Machtmissbrauch und Gewaltherrschaft können dann nur noch beschwiegen werden. Das empirische Defizit in Disziplinen wie der Migrationsforschung wird legitimiert von Theorien, nach denen Gegenständlichkeit bei der Erkenntnis keine Rolle mehr spielen soll. Ist der Widerstand der Körperwelt einmal theoretisch ausgeschaltet, wird alles beliebig deutbar. So kommt es zu kuriosen Verwirrungen wie der, dass im Namen einer feministisch inspirierten Gendertheorie religiös legitimierte patriarchale Gewalt im arabischen Raum, aber auch hierzulande, in Schutz genommen wird und Leute, die auf diesen Widersinn aufmerksam machen, nur denunziert werden können. Angesichts realen Terrors und seines Hintergrunds kann solch eine Wissenschaft nur verängstigt schweigen.

          Dass die Studenten, die in diesen weltlosen Symbolismus hineingezogen werden, abwehrend und überempfindlich auf den Widerstand der physischen Realität reagieren, kommt eigentlich nicht überraschend. Es gibt Anlass, die Studie an anderen Orten fortzusetzen.

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