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Tod eines Journalisten : Als sie mich holten

  • -Aktualisiert am

Sonali Saramarsinghe, ebenfalls Journalistin, nimmt Abschied von ihrem getöteten Mann Bild: AFP

Lasantha Wickrematunge hat seinen Tod vorausgesehen. Am vergangenen Donnerstag ist der Gründer der srilankischen Zeitung „Sunday Leader“ ermordet worden - wie viele Regimegegner vor ihm. In seinem letzten Text, den wir in Auszügen veröffentlichen, klagt er die Mörder an.

          Kein Beruf verlangt von einem, dass man sein Leben für ihn lässt. Das tut nur die Armee und, in Sri Lanka, der Journalismus. Im Lauf der letzten Jahre sind die unabhängigen Medien des Landes immer stärker unter Beschuss geraten. Medienhäuser sind angegriffen worden: angezündet, bombardiert, abgesperrt, genötigt. Unzählige Journalisten sind drangsaliert, bedroht und getötet worden. Mir war es eine Ehre, in diese Kategorien zu passen – und nun vor allem zur letzteren.

          Ich bin schon lange im Journalismus. 2009 wird „The Sunday Leader“ fünfzehn Jahre alt. Vieles hat sich in diesen fünfzehn Jahren verändert in Sri Lanka, und ich muss nicht eigens betonen, dass der größere Teil dieser Veränderungen zum Schlechten war. Wir befinden uns in einem Bürgerkrieg, der brutal und rücksichtslos von Leuten geführt wird, deren Blutdurst keine Grenzen kennt. Terror, ob von Terroristen oder vom Staat ausgehend, ist Teil unseres Alltags. Mehr noch: Das Morden ist zum Hauptwerkzeug geworden, mit dem der Staat versucht, die Organe der Freiheit zu überwachen. Heute sind es die Journalisten, morgen werden es die Richter sein.

          Ist das Risiko die Sache überhaupt wert?

          Warum gehen wir dann überhaupt dieser Arbeit nach? Das frage ich mich oft. Immerhin bin ich auch ein Ehemann und Vater dreier wundervoller Kinder. Ich habe Verantwortung und Verpflichtungen, die über meinen Beruf hinausgehen. Ist das Risiko, das ich eingehe, die Sache überhaupt wert? Viele sagen mir, dass es das nicht ist. Freunde raten mir, Anwalt zu werden, und das verspricht einem, weiß Gott, einen besseren Lebensunterhalt. Andere wiederum, darunter Politiker beider Seiten, haben immer wieder versucht, mich in die Politik zu ziehen, und gingen sogar so weit, dass sie mir ein Ministerium meiner Wahl anboten. Diplomaten, die das Risiko, dem Journalisten in Sri Lanka ausgesetzt sind, verstehen, haben mir Bleiberecht in ihren Ländern versprochen. Weswegen auch immer ich in Sri Lanka geblieben bin, nicht weil ich keine andere Wahl gehabt hätte.

          Lasantha Wickrematunge wurde am vergangenen Donnerstag ermordet

          Es gibt aber eine besondere Art von Berufung, die hohe Würden, Ruhm, Glanz und Sicherheit noch weit übertrifft. Das ist der Ruf des Gewissens.

          Die Zeitung „The Sunday Leader“ war schon immer ein kontroverses Blatt, eben weil wir sagen, wie wir die Dinge sehen: Egal, um was es geht, ob um einen Dieb oder um einen Mörder, wir nennen ihn beim Namen. Wir verstecken uns nicht hinter beschönigenden Beschreibungen. Investigative Artikel, die wir drucken, sind immer von klaren Indizien und Fakten gedeckt, was wir nicht zuletzt Bürgern zu verdanken haben, die ihr Leben riskieren. Wir haben Skandal um Skandal aufgedeckt. Nicht ein Mal in fünfzehn Jahren hat uns jemand strafrechtlich verfolgen und der Unwahrheit überführen können.

          Der größte Stachel in ihrem Fleisch

          Viele vermuten, der „Sunday Leader“ habe eine politische Agenda: Aber das stimmt nicht. Wenn wir der Regierung kritischer gegenüberstehen als der Opposition, dann nur, weil es andersherum wenig Sinn hätte. Denken Sie daran, dass wir in den wenigen Jahren unseres Bestehens, in denen die UNP an der Macht war, der größte Stachel in ihrem Fleisch waren, indem wir Maßlosigkeit und Korruption offengelegt haben, wo immer sie auftauchten. Und natürlich haben die beschämenden Dinge, die wir offenbart haben, den Niedergang dieser Regierung befördert.

          Es ist bekannt, dass ich zweimal brutal überfallen wurde, mein Haus wurde mit Maschinengewehren beschossen. Trotz der scheinheiligen Versicherungen der Regierung gab es nie ernsthafte Ermittlungen gegen die Attentäter; diese wurden nie festgenommen. Ich habe also Grund zur Annahme, dass die Angriffe von der Regierung unterstützt wurden. Wenn ich also ermordet werde, wird es die Regierung sein, die mich ermordet hat. Die Ironie an der Geschichte ist – und das ist den meisten in der Öffentlichkeit nicht bekannt –, dass Mahinda (der Präsident) und ich seit mehr als einem Vierteljahrhundert Freunde sind. Ich vermute, dass ich einer der wenigen bin, die ihn mit dem Vornamen ansprechen. Es vergeht kaum ein Monat, in dem wir uns nicht sehen – unter vier Augen, oder mit engen Freunden spät abends im Haus des Präsidenten. Dort tauschen wir Gedanken aus, diskutieren über Politik oder die gute alte Zeit. Einige persönliche Worte an ihn sind deshalb wohl hier angebracht.

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