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„Tipping Point“ : Der Funke am Pulverfass

Fällt ein Stein, fallen sie alle Bild: Getty Images

Wenn nichts mehr hilft, zünden Unruhen, dann ist der „Tipping Point“ erreicht, der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt und Gesellschaften zur Rebellion treibt. Man kann die Lunten in Europa brennen sehen.

          Am 4. August 2011 wird im Londoner Stadtteil Tottenham ein junger Farbiger von einem Polizisten erschossen. Zwei Tage später versammeln sich zahlreiche Demonstranten vor der örtlichen Polizeiwache und verlangen eine lückenlose Aufklärung, weshalb der neunundzwanzigjährige Vater dreier Kinder sterben musste. Zunächst verläuft alles friedlich, doch dann eskaliert die Situation: Autos brennen; etliche Fensterscheiben gehen zu Bruch; plündernde Randalierer ziehen durch die Straßen.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Unruhen weiten sich aus, auch Liverpool, Manchester und Bristol sind bald betroffen. Mehrere Menschen sterben, viele werden verletzt, und Premierminister Cameron stempelt vorsorglich sämtliche Jugendlichen zu Kriminellen ab. Es dauert Tage, bis in Großbritannien wieder so etwas wie Ruhe einkehrt.

          Die indische Gesellschaft erwacht

          In dem düsteren Pariser Vorort Clichy-sous-Bois fliehen Ende Oktober 2005 drei Jugendliche vor der Polizei. Sie verstecken sich in einem Transformatorenhäuschen, zwei werden von Stromschlägen getroffen und sterben. Über die Banlieus breiten sich bürgerkriegsähnliche Unruhen aus. Jacques Chirac, der Präsident der Republik, ruft den Notstand aus. Nicolas Sarkozy, seinerzeit Innenminister, sagt, er werde die Vorstädte mit einem „Kärcher“ säubern, als handelte es sich bei den Jugendlichen um Ungeziefer.

          Vor wenigen Wochen steigt in Neu-Delhi eine Studentin mit ihrem Freund in einen Bus. Es ist bereits dunkel, die beiden waren im Kino und wollen nun nach Hause. Der Albtraum, der sich dann in dem Bus abspielt und die junge Frau das Leben kostet, erschüttert die Welt. Durch die bis dahin in Apathie versunkene indische Gesellschaft geht ein Ruck, und sie verleiht ihrer aufgestauten Wut, ihrem Ärger, ihrer Verzweiflung und ihrem Mitgefühl auf den Straßen machtvoll Ausdruck.

          Alle drei Fälle unterscheiden sich deutlich voneinander, und doch haben sie etwas gemeinsam: den Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Das eine folgenschwere Ereignis, den sogenannten tipping point. Der Begriff stammt aus der Epidemiologie, es war Malcom Gladwell, der ihn mit seinem Buch „Tipping Point“ populär gemacht hat. Dieser Umkipp-Punkt verändert alles - zumindest im ersten Augenblick. Ob er tatsächlich einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel bewirken kann, steht auf einem anderen Blatt. Diese Frage kann nur die Zeit beantworten.

          Ein Signalereignis mit Entrüstungspotential

          Wilhelm Heitmeyer ist Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld, vertraut damit, die Mechanismen von Krawallen bloßzulegen, die Psychologie dahinter zu beleuchten. Die Schemata, nach denen sie ablaufen, ähneln einander. Am Anfang steht ein Signalereignis. Dieses Signalereignis, sagt Heitmeyer, müsse ein hohes emotionales und moralisches Entrüstungspotential aufweisen und medial ausbeutbar sein, ansonsten entstehe jenes kollektive Gefühl, das die Menschen mobilisiert, erst gar nicht, und die Angelegenheit versickere wieder. Ohne eine kritische Masse kann kein Unruhezyklus seine volle Wucht entfalten.

          “Ein wichtiger Faktor sind zudem die wechselseitigen Feindbilder. In London oder Paris waren es die zwischen einer rassistischen Polizei auf der einen Seite und Jugendlichen, die sich unterdrückt und an den gesellschaftlichen Rand gedrängt fühlten, auf der anderen. In Indien verkörpert die Staatsmacht den Feind, denn die Justiz lässt Vergewaltiger in der Regel ungesühnt davonkommen.“

          Außerdem stellt dort jede Frau ein potentielles Opfer dar, unabhängig davon, aus welcher gesellschaftlichen Schicht sie stammt oder welche Hautfarbe sie hat. Sobald man sich selbst als mögliches Opfer definiere, sagt Heitmeyer, gewinne man eine Art moralischen Vorsprung, der es einem erlaube, das Recht in die eigene Hand zu nehmen. Und sei es mit Gewalt. Die Hemmschwelle sinkt.

          Cameron und Sarkozy versagten

          Manche Situationen geraten außer Kontrolle, andere nicht, was in beiden Fällen keine Sache des Zufalls ist, sondern ganz entscheidend vom Verhalten der politischen Eliten abhängt. In Großbritannien und Frankreich versagten sie auf ganzer Linie. Cameron und Sarkozy vergriffen sich rhetorisch. Sie gossen nur noch weiter Öl ins Feuer.

          In Indien war der politischen Führung schnell klar, dass sich dieses Verbrechen nicht aussitzen lassen würde wie ein Gewitter, das vorüberzieht. Das Handeln der Polizei wird hingegen ausschließlich an Taten gemessen. Heitmeyer verweist auf die sogenannte Repressionsinkonsistenz. Das bedeutet, dass die Polizei im Falle eines brutalen Vorgehens mit Reizgas oder Wasserwerfern neben gewalttätigen eben auch friedliche Demonstranten trifft. Auf diese Weise setzt sie neue Solidarisierungsimpulse - und verleitet jene zur Gewalt, die es überhaupt nicht auf eine aggressive Konfrontation abgesehen hatten.

          Wendet man die Psychologie von Krawallen auf die derzeitige Situation in Europa an, kann einem schwindlig werden. Wir alle kennen die Zahlen, wir alle wissen, dass in von der Krise besonders gezeichneten Ländern wie Griechenland oder Spanien mehr als fünfzig Prozent der Jugendlichen arbeitslos und ihrer Zukunft beraubt sind, ganz zu schweigen von all den anderen Tragödien, die sich wie in einer Endlosschleife abspielen. Der Unmut wächst, über die Krise, das politische System, die Finanzmärkte. Die Frage, wann es dieser betrogenen Generation endgültig reicht und sie zu einer Generation von Aufständischen wird, liegt auf der Hand. Man wundert sich angesichts der relativen Ruhe. Wo bleibt eigentlich die Revolution?

          Die „Outer class“ entzündet die Rebellion

          Jede Gesellschaft, in der große ökonomische Ungleichheit herrscht, ist ein Nährboden für Rebellionen. Je ungerechter es zugeht, desto größer ist die Gefahr für den Einzelnen und die soziale Ordnung. Krasse Ungleichheit zersetzt Gesellschaften, wofür ein kurzer Blick auf die Mordraten eines Landes genügt, die in ungleichen Gesellschaften um ein Vielfaches höher sind als in weniger ungleichen. Aber was genau verstehen wir eigentlich unter dem Begriff der Ungleichheit? Dass der eine im Jahr fünfzigtausend Euro mehr verdient als der andere? Oder einen Porsche besitzt, während sein Nachbar sich nur ein Fahrrad leisten kann? Oder eine Arbeitsstelle hat, während der andere gerade entlassen worden ist? Wo fängt Ungleichheit an?

          Der Satz „It’s not an underclass anymore, it’s an outer class“ stammt von Bill Clinton. Gemeint hatte er damit nicht die Menschen am ausgefransten Rand der Gesellschaft, gemeint waren jene, die bereits vollkommen aus ihr herausgefallen sind und vor verschlossenen Türen stehen. Die Welt dahinter mit ihren Absicherungssystemen und Privilegien ist für sie nicht mehr zugänglich.

          Rebellion in geregelten Bahnen

          Auch die spanische Jugend steht vor verschlossenen Türen. Zur outer class zählt sie deshalb trotzdem nicht, denn hinter diesen Türen verbirgt sich nicht die gesellschaftliche Teilhabe, sondern die Einlösung eines Karriere- und damit eines ökonomischen Versprechens. Dabei ist es gar nicht so, dass die spanische Jugend die Krisenrealität klaglos akzeptieren und in Lethargie versinken würde. Sie empört sich, sie demonstriert, aber ihre Wut verläuft in geregelten Bahnen. Sie stellt keine Gefahr für die öffentliche Ordnung dar.

          Wer einen Blick auf die Funktionsweisen der spanischen Gesellschaft und die Geschichte des Landes wirft, versteht das besser. Da ist zum Beispiel die Familie. Trotz einer niedrigen Geburtenrate ist die Bedeutung der Familie als Notgemeinschaft nach wie vor ungebrochen. Die Spanier sind daran gewöhnt zusammenzurücken. Viele junge Erwachsene ziehen wieder zu Hause ein, andere gar nicht erst aus. Das System Familie ist in diesem Land sehr belastbar (aber wie jedes System wird es kollabieren, wenn der Druck zu groß wird).

          Man darf außerdem nicht vergessen, dass der Lebensstandard in Spanien vor dem Immobilienboom Mitte der neunziger Jahre deutlich geringer gewesen ist als heute. Einen starken Sozialstaat, der die Menschen in Sicherheit wiegte, hat es nie gegeben. Jeder musste lernen, sich selbst zu helfen, es blieb einem gar nichts anderes übrig. Und genau das tut im Moment offenbar auch ein Teil der Jugend. Es ist das Beste, was sie machen kann.

          Fataler brain drain in Spanien

          Nehmen wir das Goethe-Institut: 2011 verzeichnete es im Vergleich zum Vorjahr einen Anstieg von knapp vierzig Prozent bei der Belegung von Deutschkursen, und auch in diesem Jahr ist das Interesse groß. Das spanische Bildungsversprechen mag nicht eingelöst worden sein, aber die Jugend steht deshalb trotzdem nicht automatisch auf verlorenem Posten. Im Gegenteil. Sie sucht ihr Lebensglück eben anderswo, zum Beispiel in Deutschland. Für Spanien ist der brain drain fatal.

          Die Veränderung eines gesellschaftlichen Aggregatszustands muss nicht zwangsläufig auf einen tipping point hinauslaufen. Manchmal bleibt die Rebellion auch einfach aus. An ihre Stelle tritt die trügerische Ruhe als Dauerzustand. Beruhigend ist das nicht.

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