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Tierschutz : Lasst die Tiere in Würde aussterben

Nie wieder einsam: Papageien sind in Gruppen von mindestens zwei Exemplaren zu halten Bild:

Mozart begleitet die Schweine auf die Schlachtbank, Blumenpflücken ist moralisch verwerflich: Die Schweiz bestimmt ihr Verhältnis zur Kreatur neu, denn Tierschutz ist heute ein zentrales Anliegen der Bevölkerung.

          Wer zu Hause ein Meerschweinchen hat, sollte es jetzt in menschlicher Würde sterben lassen. Oder ihm einen Artgenossen zur Seite stellen. Ansonsten macht er sich strafbar. So steht es im neuen Tierschutzgesetz, das nach jahrelangen Diskussionen und Debatten von den Schweizern per Volksabstimmung erlassen wurde und am 1. September dieses Jahres in Kraft getreten ist. Es will verhindern, dass das einsame Meerschweinchen ein trauriges Leben im Käfig führen muss.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Das gilt auch für andere beliebte Kreaturen, die bei den Menschen ihr Dasein fristen. Für die Maus in der Tretmühle und die intelligenten Ratten der Halbwüchsigen. Ob Kanarienvogel, Wellensittich und Papagei: Sie müssen fortan in Gruppen von mindestens zwei Exemplaren gehalten werden. „In der freien Wildbahn leben diese Tiere in Gruppen beziehungsweise Sippen, die gesetzliche Verpflichtung ist ein absolutes Minimum“, sagt Jean-Michel Hatt, Professor für Zoo-, Heim- und Wildtiermedizin.

          Wer sich einen Hund zulegen will, ist verpflichtet, einen Kurs zu besuchen. Dreimal Theorie und ein Freilufttraining von mindestens fünf Stunden Dauer sind vorgeschrieben. Es gibt in der Schweiz Hunderttausende von bellenden Vierbeinern. Das Gesetz gilt nicht nur für gefährliche Kampfhunde. Auch Pudelherrchen müssen auf die Schulbank, noch aber gibt es praktisch keine Möglichkeiten, das Obligatorium überhaupt zu absolvieren. Die Schonfrist läuft 2010 ab.

          Der moderne Tierschutz ist ein zentrales Anliegen geworden

          Weit über hundert Seiten umfasst die Verordnung. In 226 Artikeln wird festgehalten, wie Hunderten von Tierarten – einheimischen und importierten – ein artgerechtes Leben zu ermöglichen sei. Für die Kühe wird die Stallfläche definiert. Das Gehege der Hühner muss minimale Normen erfüllen – auch bezüglich der Länge der Sitzstangen. Vögel brauchen gefederte Sitzmöglichkeiten. Vom Licht im Stall und von den Erfrischungs- wie Beschäftigungsmöglichkeiten ist die Rede. Das Einfrieren der Goldfische im Eisschrank und das Entsorgen in der Toilette gelten jetzt ausdrücklich als kriminelle Handlungen.

          In vielen Fällen bewilligungspflichtig wird das Halten exotischer Tiere. Die Freunde von Reptilien müssen ebenfalls Kurse belegen. Lebende Tiere dürfen nur noch dann zur Ernährung – zum Beispiel der Schlangen – benutzt werden, wenn es keine anderen Möglichkeiten gibt. Noch sind Hausdurchsuchungen durch die Polizei ausgeblieben, man setzt auf Aufklärung. Zumindest auf dem Papier sind die Behörden durchaus verpflichtet, zum Beispiel Hinweisen auf verwaiste Tiere nachzugehen. Sie geben sich gelassen: „Unsere Verordnungen sind sehr einfach gehalten und zielen einzig darauf ab, Tiere möglichst artgerecht zu halten.“ Die eidgenössische Außenpolitik setzt auf die Menschenrechte. Innen- und gesellschaftspolitisch ist der moderne Tierschutz zu einem zentralen Anliegen mit breiter Unterstützung in der Bevölkerung geworden.

          Ziemlich unvermittelt hatte die Züricher Tierversuchskommission an der ETH und an der Universität angelaufene wissenschaftliche Programme mit Menschenaffen gestoppt. Monatelang dauerten die Abwägungen, mit dem Resultat, dass die Tierversuche nicht wiederaufgenommen werden durften: Die Würde der Affen werde verletzt, die aus den Experimenten zu erwartenden Kenntnisse würden das ihnen zugefügte Leiden nicht rechtfertigen. Die Hochschulen sind inzwischen an das Bundesgericht gelangt. Sie befürchten ein generelles Verbot für Affenversuche und sehen die Grundlagenforschung in Gefahr. Auch wenn die oberste Instanz in ihrem Sinne entscheiden sollte, droht den Affenversuchen das Aus: Längst läuft eine Unterschriftensammlung, die beste Chancen hat, das Verbot über eine Volksabstimmung im Gesetz zu verankern.

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