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Tierschutz : Lasst die Tiere in Würde aussterben

„In den Vereinigten Staaten und in Australien, in England und Italien macht man sich nur noch lustig über die Schweiz“, entsetzt sich der Biologe Klaus Ammann. Er war Direktor des Botanischen Gartens in Bern. Inzwischen hat er das Land, in dem er eine rapide um sich greifende Wissenschaftsfeindlichkeit ausmacht, verlassen und arbeitet in Delft. Den Spott der Welt der Wissenschaft hat sich die Schweiz mit der „Würde der Pflanzen“ zugezogen. Sie wurde von der „Eidgenössischen Ethikkommission für die Biotechnologie im Außerhumanbereich“ definiert: „Die Würde der Kreatur gilt auch für Pflanzen. Ihre willkürliche Schädigung ist moralisch unzulässig.“ Bernard Baertschi, Professor in Genf, ist Mitglied dieser Ethikkommission: „Das neue Tierschutzgesetz basiert auf der Einsicht, dass Tiere leidensfähige Wesen sind. Man darf ihnen nicht leichtfertig Schmerzen zufügen. Man muss abwägen. Was wiegt mehr: das Leiden, die Würde des Tieres oder unser untergeordnetes Bedürfnis nach einem neuen kosmetischen Produkt?“ Was die Forscher als Wissenschaftsfeindlichkeit beklagen, hält er für eine zivilisatorische Veränderung: „Die ersten Debatten um das Wesen der Tiere gehen auf die Antike zurück. Kant hielt es am Ende des achtzehnten Jahrhunderts für unmoralisch, ein Tier zu quälen. Nicht aus Liebe zu ihm – er hielt dies für unvereinbar mit der Würde des Menschen. Darwin eröffnete eine entscheidende Wende: Der Mensch steht nicht außerhalb der Natur, er ist Teil der Evolution. Heute wissen wir, wie viel wir genetisch mit den Affen gemein haben. Unsere Wohlstandsgesellschaft erlaubt es uns, ohne große Verzichte das Schicksal der Tiere zu verbessern. Früher befassten sich nur Philosophen mit ihm – heute geht es alle an.“

Der umstrittene Philosoph Peter Singer will die Grenzen zwischen Mensch und Tier gänzlich aufheben. Die Emanzipation der Tiere müsse jener der Schwarzen, der Frauen und der Homosexuellen folgen. Singer war kürzlich in Bern, wo er das neue Tierschutzgesetz als beispielgebend für die ganze Welt lobte und wo Klaus Petrus als Philosophieprofessor lehrt. Petrus, Sohn eines Kleinbauern, ist landesweit bekannt. Mit dem Thema Tier befasst er sich seit dem Ausbruch des Rinderwahns. Die Massenschlachtungen und Kadaververbrennungen erschütterten ihn. Er gelangte zu der Einsicht, dass alle Zuchtprogramme abgebrochen werden müssten. Es darf weder Haus- noch Nutztiere geben. Lasst sie in Würde aussterben, rät der Philosoph den Zeitgenossen, und verzichtet dann auf jede Ausbeutung. Viele Zivilisationskrankheiten hätten mit dem Verzehr von Fleisch zu tun. Eine vegane Welt (ohne tierische Produkte) wäre der Lösung aller Umweltprobleme äußerst förderlich. Der Energieverbrauch würde gedrosselt, das Klima geschont, eine gerechtere Verteilung der Nahrungsmittel wäre die Folge. Die „NZZ am Sonntag“ widmete Klaus Petrus ein sympathisierendes Porträt und bescheinigte ihm „viel Ernsthaftigkeit“.

Eine Ausbildung in Sachen Tierschutz und Ethik

Selbst für die Animal Liberation Front (ALF) hat der Professor einiges übrig. Sie wird vom Verfassungsschutz als terroristische Vereinigung observiert. Sie will Tiere mit Gewalt aus den Versuchslabors befreien. Die ALF ist die radikalste einer Reihe von Organisationen, die in den vergangenen Jahren gegründet wurden. Der ursprünglich als Landschaftsschützer tätige Franz Weber war mit seinen „United Animal Nations“ ein Pionier. Deren internationaler „Tiergerichtshof“ führt regelmäßig Schauprozesse durch, vor ein paar Wochen in Genf war der Stierkampf auf der Anklagebank. Aber auch viele konkrete Projekte wurden lanciert. Ein Altlinker hat mit Fischern in Senegal das Unternehmen „Fair Fish“ aufgebaut. Für Greenpeace ist der Kampf gegen das Fleisch ebenfalls zur Priorität geworden: „Wir essen uns zu Tode.“

Die Boulevardzeitung „Le Matin“ wie das Nachrichtenmagazin „L’Hebdo“ haben das „Ende des Schnitzels“ angekündigt. Auf der Schlachtbank werden die Schweine von Mozart in den Tod begleitet und vor dem Schnitt in die Gurgel in kleinen Gruppen sanft betäubt. Auch Schlachter müssen jetzt eine Ausbildung in Sachen Tierschutz und Ethik absolvieren. Das gilt ebenso für die Fahrer der Tiertransporte. Die Fleischindustrie begrüßt die verschärften Bestimmungen und unterstützt die Reportagen über das (verbesserte) Leben der Schweine als PR-Aktionen zur Rettung der Branche.

Kürzlich berichtete das Fernsehen über die Lebensbedingungen der aus Italien und Frankreich importierten Kaninchen. In früheren Zeiten legten sich die Wellen der nationalen Empörung nach ein paar Tagen. Diesmal haben die Großverteiler das Kaninchenfleisch noch schneller aus dem Sortiment genommen.

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