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Tierrecht-Debatte : Hinter den Kulissen des Vorzeige-Zoos

  • -Aktualisiert am

Geboren für die Freiheit: Giraffenbulle Madiba und Mutter Andrea Bild: dpa

Geht es den Tieren im Zoo „zu gut“, wie Zoodirektoren behaupten? Und was ist von den Zuchterfolgen zu halten, mit denen gern geprahlt wird? Die Replik einer Tierrechtlerin.

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          Es gibt drei grundlegende Meinungsverschiedenheiten zwischen Zoodirektoren wie Gunther Nogge und uns Tierrechtlern. Die eine: Tierrechtlern geht es um Tiere als Individuen und Zoodirektoren um die Art. Zwar kann man in Zoos keineswegs nur Angehörige gefährdeter Spezies betrachten, aber zumindest offiziell liegt darin eine Legitimation moderner Zoos, dass sie von gefährdeten Arten einige „Exemplare“ bewahren wollen. Wofür? Oft ist die ursprüngliche Umgebung der Tiere längst zerstört und die Chance gering, dass dieses Tier oder wenigstens seine Nachkommen je wieder die Freiheit erleben werden. Der Kreis der „Exemplare“ in den Zuchtprogrammen ist klein, so dass, wie im Fall des unglücklichen Kopenhagener Marius und der vier Löwen, an die er verfüttert wurde, Inzucht droht; also werden die Tiere getötet.

          Ohnehin ist die Zugehörigkeit zu einer Art für das Tier selbst nicht wichtig, es ist einem Tiger oder Elefanten ganz egal, ob er einer von Hunderttausenden ist oder der Vorletzte seiner Art. Wie bei uns Menschen, die wir ja auch nicht weniger am eigenen Leben hängen, seitdem unsere Spezies die Sieben-Milliarden-Grenze überschritten hat, interessiert auch das Tier nur das eigene Leben, nicht die Art.

          Von Umzügen und Tauschgeschäften

          Und genau darum hat ein Tier auch Rechte - uns gegenüber, den Menschen, die mit ihnen interagieren. Wo subjektive Interessen vorliegen, ist ein moralisch Handelnder verpflichtet, auf die Interessen der anderen Rücksicht zu nehmen. Nicht mehr und nicht weniger. Natürlich hat das Konzept von Tierrechten in der menschenleeren Wildnis wenig Sinn - die Gazelle hat kein Recht darauf, vom Löwen verschont zu werden, weil er kognitiv und physisch gar nicht anders kann, als sie zu jagen und zu fressen. Wir Menschen aber können anders, als zu jagen oder einzusperren; uns gegenüber haben sowohl Gazelle als auch Löwe ein Recht darauf, dass wir sie schonen. Das ist nicht anders als bei menschlichen Kleinstkindern oder mental stark beeinträchtigten Erwachsenen: Sie mögen nicht wissen, was Rechte sind, dennoch besitzen sie sie. Auch wenn sie selbst die Sprache der Moral nicht verstehen - wir sprechen sie! Und haben die Pflicht, die Unversehrtheit und das Leben anderer empfindungsfähiger Lebewesen nicht zu beeinträchtigen, wo es uns möglich ist.

          Die zweite Meinungsverschiedenheit ist eher empirischer Natur: Wie es um die Qualität des Lebens in den Zoos bestellt ist. Anders als die kahlen Betonwände früherer Jahrzehnte sind die heutigen Zoomauern schön mit „typischer Fauna“ bemalt - die Tiere dürfte das wenig erbauen. Bäume sind gelegentlich mit Elektrolitzen durchzogen, damit das Tier nicht die „Kulisse“ auffuttert; der Zoobesucher sieht es nicht. Und selten hält ein Zoo den Besucher auf dem Laufenden, wohin denn die Tiere, die man im knuddeligen Babystadium noch bestaunen durfte, später verfrachtet werden und wie lange sie im ausgewachsenen Zustand überleben. Jeder Katzenbesitzer ist angehalten, sein Tier zu kastrieren, um Nachwuchs zu verhindern, für den er keinen Platz hat. Nur Zoos prahlen damit, wenn sie - oft mit Hilfe künstlicher Befruchtung oder erst, nachdem weitere Partner eingeflogen wurden - wieder einmal einen „Zuchterfolg“ hatten, obwohl sie bereits voll belegt sind. Also müssen Tiere „umziehen“ oder „getauscht“ werden - an Zoos, die weniger im Rampenlicht stehen. Wenige lösen das Problem so brachial und ehrlich wie, wiederum, der Kopenhagener Zoo.

          Stimmungsmacher für Säugetiere

          Meist funktioniert das wie im Verschiebebahnhof. Man erinnere sich an die Leidensgeschichte der Gorillafrauen im Münsteraner Allwetterzoo, gemeinhin bezeichnet als „Vorzeigezoo“. Hier lebte bis 2010 die Gorilladame Gana; ihr erstes Kind nahm sie, wie es oft bei in Gefangenschaft lebenden Gorillas geschieht, nicht an; es wurde zur Aufzucht nach Stuttgart geschickt. Ganas zweites Kind starb an einer Darmentzündung, noch tagelang trug das Muttertier den toten Körper mit sich herum. Gana brachte ein drittes Kind zur Welt, starb aber ein halbes Jahr später selbst; auch dieses Kind wurde nach Stuttgart verbracht. Und der Zoo wollte weiterzüchten. Er holte die auf der Kanalinsel Jersey geborene Sakina nach Münster, nannte sie „dunkle Schönheit“. Bloß der Münsteraner Gorillamann N’Kwango sah es anders, es kam zu Zusammenstößen, Sakina wurde schwer verletzt und isoliert. Kein Jahr nach ihrer Ankunft wurde die „dunkle Schönheit“ weitergeschickt, in den niederländischen Zoo Kerkrade, wo sie wenige Monate später starb. Immer noch gab der Zoo nicht auf! Er holte das Gorillaweibchen Shasha aus einem südenglischen Wildpark und hofft vermutlich weiterhin auf Nachwuchs.

          Zu den offenen Geheimnissen des Zoowesens gehört auch, dass insbesondere den größeren Säugetieren oft Sedativa und Psychopharmaka verabreicht werden. Teils, um Verhaltensauffälligkeiten zu lindern, teils, um Stimmungstrübungen zu lichten - Veterinäre, die in Zoos arbeiteten, die Autopsien durchführten oder direkt zum Medikamenteneinsatz in Zoos forschten, berichten öffentlich davon. Manche Zoodirektoren wie Dag Encke (Nürnberg) geben inzwischen zu, dass Delfinen bisweilen Diazepam gegeben wird. Aber „nur zum Appetitanregen“, wie im Nachsatz sofort beteuert wird. Doch warum braucht ein gesundes Tier, das sich wohl fühlt, Appetitanreger?

          Unser Bild vom Tier

          Oder fühlt es sich etwa gar nicht wohl? Die Malaise des Gorillaverschickens und -sterbens ignorierend, meint Gunther Nogge pointiert, vielleicht gehe es Gorillas im Zoo sogar „zu gut. Denn der Aufwand, den sie noch betreiben müssen, ihre essentiellen Lebensbedürfnisse zu befriedigen, ist so gering, dass ihnen langweilig zu werden droht und sie deshalb anderweitig beschäftigt werden müssen.“ Doch das Leben hinter Gittern ist kein gutes, kein vollständiges, kein „echtes“ Leben. Zum Leben gehört nicht nur fressen, sondern auch Nahrung suchen. Nicht nur auf dem Sofa sitzen und Chips reinstopfen, sondern sich bewegen, erleben. Ob Mensch oder Tier, ein Wirbeltier ist keine reine Fress- und Verdaumaschine.

          Ähnlich ist Langeweile beim gefangenen Gorilla kein Zeichen dafür, dass es ihm „zu gut“ geht, sondern eben schlecht, weil er all das nicht tun kann, was Gorillas normalerweise tun, was in ihnen biologisch angelegt ist und wonach sie das Bedürfnis haben. Auch eine Zeitlang hungrig sein, auch sich mal eine Verletzung zuziehen, auch mal im Regen ausharren müssen - all das, wenn auch für sich nicht sonderlich erquicklich, sind Unannehmlichkeiten und Risiken, die zu einem vollständigen Leben dazugehören.

          Eine dritte Meinungsverschiedenheit besteht also in der grundsätzlichen Auffassung, die wir von einem Tier haben. Ist es ein „Exemplar“, das als unfreiwilliger „Botschafter“ (Nogge) seiner Art abgefüttert (und bei Fressunlust mit Diazepam behandelt) werden muss - oder ein tätiges Individuum, das sein eigenes Leben in Freiheit leben will? Hier mutet das Tier-Bild von Zoodirektoren wie Gunther Nogge geradezu reaktionär an, steht in einer Reihe mit den Naturforschern früherer Jahrhunderte, die eifrig sammelten, einfingen, aufspießten, klassifizierten, rubrizierten. Das „Exemplar“ interessierte, nicht wirklich das Tier. Ob lebend oder tot, es hat letztlich dem musealen Interesse der Menschen zu dienen.

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