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Tierrecht-Debatte : Hinter den Kulissen des Vorzeige-Zoos

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Stimmungsmacher für Säugetiere

Meist funktioniert das wie im Verschiebebahnhof. Man erinnere sich an die Leidensgeschichte der Gorillafrauen im Münsteraner Allwetterzoo, gemeinhin bezeichnet als „Vorzeigezoo“. Hier lebte bis 2010 die Gorilladame Gana; ihr erstes Kind nahm sie, wie es oft bei in Gefangenschaft lebenden Gorillas geschieht, nicht an; es wurde zur Aufzucht nach Stuttgart geschickt. Ganas zweites Kind starb an einer Darmentzündung, noch tagelang trug das Muttertier den toten Körper mit sich herum. Gana brachte ein drittes Kind zur Welt, starb aber ein halbes Jahr später selbst; auch dieses Kind wurde nach Stuttgart verbracht. Und der Zoo wollte weiterzüchten. Er holte die auf der Kanalinsel Jersey geborene Sakina nach Münster, nannte sie „dunkle Schönheit“. Bloß der Münsteraner Gorillamann N’Kwango sah es anders, es kam zu Zusammenstößen, Sakina wurde schwer verletzt und isoliert. Kein Jahr nach ihrer Ankunft wurde die „dunkle Schönheit“ weitergeschickt, in den niederländischen Zoo Kerkrade, wo sie wenige Monate später starb. Immer noch gab der Zoo nicht auf! Er holte das Gorillaweibchen Shasha aus einem südenglischen Wildpark und hofft vermutlich weiterhin auf Nachwuchs.

Zu den offenen Geheimnissen des Zoowesens gehört auch, dass insbesondere den größeren Säugetieren oft Sedativa und Psychopharmaka verabreicht werden. Teils, um Verhaltensauffälligkeiten zu lindern, teils, um Stimmungstrübungen zu lichten - Veterinäre, die in Zoos arbeiteten, die Autopsien durchführten oder direkt zum Medikamenteneinsatz in Zoos forschten, berichten öffentlich davon. Manche Zoodirektoren wie Dag Encke (Nürnberg) geben inzwischen zu, dass Delfinen bisweilen Diazepam gegeben wird. Aber „nur zum Appetitanregen“, wie im Nachsatz sofort beteuert wird. Doch warum braucht ein gesundes Tier, das sich wohl fühlt, Appetitanreger?

Unser Bild vom Tier

Oder fühlt es sich etwa gar nicht wohl? Die Malaise des Gorillaverschickens und -sterbens ignorierend, meint Gunther Nogge pointiert, vielleicht gehe es Gorillas im Zoo sogar „zu gut. Denn der Aufwand, den sie noch betreiben müssen, ihre essentiellen Lebensbedürfnisse zu befriedigen, ist so gering, dass ihnen langweilig zu werden droht und sie deshalb anderweitig beschäftigt werden müssen.“ Doch das Leben hinter Gittern ist kein gutes, kein vollständiges, kein „echtes“ Leben. Zum Leben gehört nicht nur fressen, sondern auch Nahrung suchen. Nicht nur auf dem Sofa sitzen und Chips reinstopfen, sondern sich bewegen, erleben. Ob Mensch oder Tier, ein Wirbeltier ist keine reine Fress- und Verdaumaschine.

Ähnlich ist Langeweile beim gefangenen Gorilla kein Zeichen dafür, dass es ihm „zu gut“ geht, sondern eben schlecht, weil er all das nicht tun kann, was Gorillas normalerweise tun, was in ihnen biologisch angelegt ist und wonach sie das Bedürfnis haben. Auch eine Zeitlang hungrig sein, auch sich mal eine Verletzung zuziehen, auch mal im Regen ausharren müssen - all das, wenn auch für sich nicht sonderlich erquicklich, sind Unannehmlichkeiten und Risiken, die zu einem vollständigen Leben dazugehören.

Eine dritte Meinungsverschiedenheit besteht also in der grundsätzlichen Auffassung, die wir von einem Tier haben. Ist es ein „Exemplar“, das als unfreiwilliger „Botschafter“ (Nogge) seiner Art abgefüttert (und bei Fressunlust mit Diazepam behandelt) werden muss - oder ein tätiges Individuum, das sein eigenes Leben in Freiheit leben will? Hier mutet das Tier-Bild von Zoodirektoren wie Gunther Nogge geradezu reaktionär an, steht in einer Reihe mit den Naturforschern früherer Jahrhunderte, die eifrig sammelten, einfingen, aufspießten, klassifizierten, rubrizierten. Das „Exemplar“ interessierte, nicht wirklich das Tier. Ob lebend oder tot, es hat letztlich dem musealen Interesse der Menschen zu dienen.

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