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Tibet : Vom Fluch des Phantasmas

  • -Aktualisiert am

Gewaltfrei ist tibetischer Protest nicht immer: Lhasa am 1. April Bild: AP

Tibetische Kultur haben wir uns bislang gewaltfrei vorgestellt. Das teilweise aggressive Vorgehen im Kampf um Freiheit bedeutet einen dramatischen Bruch mit dem bisherigen Idealbild von Tibet in der Welt - und spielt China in die Hände.

          Die Unruhen in Tibet haben der Weltöffentlichkeit auch einen Konflikt innerhalb des tibetischen Exils zu Bewusstsein gebracht: Teile des „Tibetischen Jugendkongresses“ geben sich, vor allem unter dem Einfluss von Landsleuten aus Amerika, seit Jahren nicht mehr mit dem „mittleren Weg“ des Dalai Lama zufrieden. Sie verlangen nicht bloß kulturelle Autonomie, sondern nationale Unabhängigkeit, und sie schließen das Mittel der Gewalt ausdrücklich nicht aus.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Das bedeutet einen dramatischen Bruch mit dem bisherigen Idealbild von Tibet in der Welt, das mit dem Gesicht des strikt auf Gewaltfreiheit setzenden Dalai Lama verschmolzen war. Vermutlich war dieses Bild sogar einer der Gründe, weshalb die Nachricht von randalierenden und brandschatzenden tibetischen Jugendlichen es anfangs schwer hatte, sich in der westlichen Öffentlichkeit durchzusetzen: Das klang so unglaubhaft, dass man es zuerst eher für eine chinesische Propagandalüge halten wollte.

          Weltweite Resonanz

          Inzwischen ist das Thema „tibetische Gewalt“ nicht bloß anerkannt, es wird auch bei Leuten, die Tibet wohlwollen, schon als ganz selbstverständliche Option behandelt, und der eben noch allseits verehrte Dalai Lama erscheint manchen (wie dem amerikanischen Schriftsteller Louis Bayard) bereits als naiv und gestrig. So schnell kann es gehen, dass eine gerade noch undenkbare Haltung als die natürliche, ja moralischere Position erscheint. Wären die Proteste friedlich geblieben, wird nun bisweilen den Scharfmachern nachgeplappert, hätten sie niemals eine solch weltweite Resonanz bekommen; es habe sich doch in den letzten zwanzig Jahren zur Genüge gezeigt, dass Gewaltfreiheit keine Sprache ist, die die Machthaber in Peking verstehen.

          Dabei ist ganz unklar, inwiefern die gewaltsamen Ausschreitungen jetzt überhaupt Ausdruck eines „separatistischen“ Programms waren, wie Peking behauptet und auch der „Tibetische Jugendkongress“ suggeriert. Dazu will nicht passen, dass nicht bloß Han-Chinesen attackiert wurden, sondern auch Angehörige der muslimischen Hui-Nationalität. Nach verschiedenen Berichten soll in Lhasa sogar die Moschee in Flammen aufgegangen sein. Das aber ist noch nicht überprüfbar. In den letzten Jahren war es aber zwischen Tibetern und den wirtschaftlich erfolgreicheren Muslimen überall, wo sie eng zusammenleben, immer wieder zu Zusammenstößen gekommen.

          Man weiß noch immer wenig

          Allerdings war nur ein kleiner Teil der sich über die ganzen tibetischen Siedlungsgebiete erstreckenden Unruhen gewaltsam; Robert Barnett, der Direktor des Instituts für Moderne Tibetische Studien an der Columbia University, schätzt ihn auf zwei Prozent. Gegenüber der Zeitschrift „Foreign Policy“ hat Barnett jetzt darauf gedrungen, zwischen der antichinesischen Kampagnenpolitik der sich mehr und mehr vom Dalai Lama absetzenden Exilorganisationen und der weit „pragmatischeren, komplexeren und listigeren“ Haltung der tibetischen Bauern in China zu unterscheiden. Letztere hätten mit ihren Demonstrationen, dem Hissen der tibetischen Flagge etwa, ein Bekenntnis zum Dalai Lama und zur Eigenständigkeit Tibets abgelegt - nicht unbedingt aber zum Kampf für nationale Unabhängigkeit im Sinne eines neuen völkerrechtlichen Status.

          Aufgrund der schon lange praktizierten, jetzt nur verschärften Medienabschottung der Region weiß man über die wirklichen Meinungen der Tibeter immer noch wenig. Doch dass der Dalai Lama allen Pekinger Entfremdungsversuchen zum Trotz die entscheidende Autorität geblieben ist, bestätigen alle Berichte. Deshalb erscheint die Behauptung des in Amerika lebenden tibetischen Schriftstellers Jamyang Norbu zumindest gewagt, dass „niemand den versöhnenden Weg noch ernst“ nehme - das gilt wohl eher für bestimmte Kreise im Exil. Der Sprecher der Exilregierung sagt jedenfalls, „neunundneunzig Prozent“ der Tibeter unterstützten weiter den mittleren Weg des Dalai Lama.

          Versöhnung noch unwahrscheinlicher

          Es geht bei der Gewalt ja nicht bloß um eine Frage der Strategie, sondern um das Ziel. Der Dalai Lama, dem ein autonomer Status im Sinne Hongkongs vorschwebt, will eine wirkliche Versöhnung zwischen Tibetern und Chinesen erreichen. Denn selbst wenn die jetzige Provinz Tibet unabhängig wäre, würden beide Bevölkerungsgruppen dort und in verschiedenen chinesischen Provinzen weiter zusammenleben (wenn man sich nicht gerade eine „ethnische Säuberung“ zum Ziel nimmt).

          Es ist das Fatale - und keineswegs Zukunftsweisende - an dem jetzigen Gewaltausbruch und seiner Unterdrückung, dass sie diese Versöhnung noch unwahrscheinlicher gemacht haben. Dazu gehört, dass der ethnische Konflikt selbst und seine kulturellen und ökonomischen Ursachen von Peking hartnäckig geleugnet werden. Nach der offiziellen Doktrin leben alle nationalen Minderheiten in China „harmonisch“ zusammen, und nur Kriminelle und Separatisten - denen die Regierung jetzt schon die Planung von Selbstmordattentaten unterstellt - wollten an diesem Glück zweifeln. Diese staatlich verordnete Verdrängung gehört zur Leugnung der Realität der tibetischen Kultur inklusive Dalai Lama, die wahrscheinlich einer der tiefsten Gründe der zunehmenden Spannungen ist.

          Mit Peking haben indessen einige Funktionäre des „Tibetischen Jugendkongresses“ gemein, dass auch sie sich um die real existierenden ethnischen Probleme und deren Lösung wenig kümmern, wenn sie das Thema Gewalt auf die Agenda setzen. Sie zehren von der Autorität, die der Dalai Lama dem Phantasma Tibet verschafft hat, als Gegenbild zu den rüden Geschäften dieser Welt, für die das Phantasma China steht. Doch sollten sie sich gegen den Dalai Lama durchsetzen, wird diese Autorität bald aufgezehrt sein. Wir würden uns dann daran gewöhnen, dass da Rebellen im Hochland mit Attentaten und Brandstiftungen ihren Kampf kämpfen - eine PLO oder IRA mehr. Vielleicht gelingt es der chinesischen Regierung dann eines Tages sogar, dass sich die Bezeichnung „Terroristen“ durchsetzt.

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