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Björn Höckes Sprache : Mief und Muff

Björn Höcke, Vorsitzender der AfD in Thüringen, am 8. September 2019 beim Wahlkampf in Döbeln. Bild: dpa

Grammatisch spricht Björn Höcke überaus korrekt, doch sonst hängen seine sprachlichen Bilder etwas schief. Besonders die Rechtsneigung ist unübersehbar.

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          Vor neunzig Jahren hätten sich die öffentlichen Äußerungen (von den privaten mal zu schweigen) des thüringischen AfD-Chefs Björn Höcke durchaus karrierefördernd auswirken können. Zwar hätte die junge NSDAP mit Höckes Rede von der „Wende 2.0“ wenig anzufangen gewusst, und die Frage ist, ob Höcke selbst so genau weiß, was er damit meint. Aber andere Sätze des Wahlsiegers vom Sonntag hätte die aufstrebende Partei der Nationalsozialisten in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts gar nicht so übel gefunden, etwa die Sache mit dem „bevorstehenden Volkstod durch den Bevölkerungsaustausch“, eine von vielen gedruckten Höcke-Formulierungen, die das Verwaltungsgericht Meiningen zu dem Urteil bewogen, dass man Höcke einen „Faschisten“ nennen darf. Um an einen anderen Spruch vom Wahlabend zu erinnern: „Wir werden uns unser Land jetzt weiter zurückholen.“

          Mein persönlicher Favorit unter den Höcke-Sätzen nach dem AfD-Sieg ist: „Der Mief und der Muff werden jetzt abgeräumt werden, liebe Freunde.“ Man achte einerseits auf den korrekten Plural im Verb (ganz selten!), andererseits auf die Alliteration in Anlaut und Ablaut (gar nicht so leicht!). Und das war’s dann auch schon in der Abteilung sprachliche Finesse, denn natürlich lässt sich weder Mief noch Muff besonders leicht „abräumen“, hier taumelt das brachiale Wort einfach ins Leere. Ein bisschen lüften, das wär’s schon. Wirklich unappetitlich ist Höckes Ausdruck „soziale Patrioten“, mit dem er in Interviews auch gestandene journalistische Profis verwirrt. Man spürt: Etwas stimmt damit nicht, bis einem aufgeht, dass der Begriff eine clevere auratische Nähe zur Wortschöpfung „Nationalsozialist“ herstellt, ohne exakt dasselbe auszusagen. Nur der Vollständigkeit halber sei noch mitgeteilt, dass Thüringen 1926 Schauplatz des ersten NSDAP-Parteitags nach dem Hitler-Putsch wurde und dort die Hitlerjugend gegründet wurde, aber vielleicht ist das Björn Höcke gar nicht klar.

          In Thüringen, das sich zum sogenannten „Trutzgau“ entwickelte, konnte die NSDAP 1930 auch ihre erste Beteiligung an einer deutschen Landesregierung verbuchen. Minister waren Erwin Baum und Wilhelm Frick. Volksbildungsminister Frick schrieb den Erlass „Wider die Negerkultur für deutsches Volkstum“, um (steht aber auch alles in Wikipedia) die „Verseuchung durch fremdrassige Unkultur“ zu unterbinden, doch es könnte natürlich sein, dass Höcke auch davon nichts weiß. Obwohl er Geschichtslehrer ist. Der meine das nicht so? Der rede nun mal so komisch, und für diesen flackernden Blick könne er doch nichts? Thüringens CDU-Vorsitzender Mike Mohring jedenfalls sagte auf einem Podium: „Ich finde, Höcke ist ein Nazi.“ Lustig war, dass Grünen-Chef Robert Habeck fand, mit dem Wort „Faschist“ sei es bei Höcke eigentlich getan. Sollte die AfD irgendwann wirklich mal bürgerlich werden wollen, müsste sie solche Leute schleunigst loswerden. Tut sie aber nicht. Die nächste Chance käme beim AfD-Parteitag im November. Wie wär‘s mit einem Zeichen, dass die AfD nicht nur spalten, sondern dazugehören will?

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

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