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Strafbefehl wegen Beleidigung : Was ist ein Rabauke?

  • -Aktualisiert am

Ihn darf man bisher noch ungestraft einen Rabauken nennen: GDL-Chef Claus Weselsky Bild: Reuters

Weil er einen Jäger als „Rabauken“ bezeichnet hatte, erhielt Thomas Krause einen Strafbefehl wegen Beleidigung. Er legte Widerspruch ein und ging vor Gericht. Jetzt ist der Redakteur wegen seiner Wortwahl verurteilt worden.

          Dass der Begriff „Rabauken-Jäger“ eine Beleidigung ist, die eine Geldstrafe von tausend Euro bedeutet, war Thomas Krause vor elf Monaten noch nicht bewusst. Der Redakteur des „Nordkurier“ hatte die plakative Überschrift für einen Bericht benutzt über einen Jäger, der ein verendetes Reh an der Anhängerkupplung über eine Bundesstraße geschleift hatte.

          Das Auto wurde fotografiert, das Bild landete in den sozialen Netzwerken, der unbekannte Fahrer wurde als „Wildschleifer von Vorpommern“ bekannt. Der „Nordkurier“ recherchierte nach, konnte Zeugen finden und die Herkunft des Fotos klären, der betroffene Jäger aber wollte nicht mit der Redaktion sprechen. Im Internet machten Tierfreunde ihrem Ärger Luft. All das fasste die Redaktion in einem Titel zusammen: „Rabauken-Jäger erhitzt die Gemüter“. Krause meinte, so werde das Verhalten des Wildschleifers auf den Punkt gebracht. Die Redaktion stimmte zu. Und die zuständige Jagdbehörde setzte nach Erscheinen des Artikels ein Verfahren zum Entzug des Jagdscheins in Gang, da die „Grundsätze deutscher Weidgerechtigkeit“ verletzt worden seien.

          Laut, rüpelhaft und gewalttätig

          Fast ein Jahr verging, da bekam Krause einen Strafbefehl wegen Beleidigung auf den Tisch: Er solle tausend Euro zahlen, dann würde das Verfahren eingestellt, andernfalls fände ein Gerichtstermin statt. Der Redakteur Krause legte Widerspruch ein, und so landete der Fall beim Amtsgericht Pasewalk. Eineinhalb Stunden verhandelte man dort über den Begriff „Rabauke“. Juristen verstehen unter einer Beleidigung die „ehrverletzende Kundgabe eigener Nichtachtung oder Missachtung“. Dabei ist der Gehalt einer Äußerung durch Auslegung zu ermitteln, in die „alle Umstände des Einzelfalls“ einzubeziehen sind. Journalisten dürfen auch pointierte Ausdrücke verwenden. Über den Begriff „Rabauke“ ist vor deutschen Gerichten noch nie verhandelt worden. Gelegenheit hätte bestanden, vor wenigen Tagen erst hatte die „Börsen-Zeitung“ GDL-Chef Claus Weselsky als „Rabauken“ betitelt.

          Laut Duden wird damit jemand bezeichnet, der sich laut und rüpelhaft benimmt und gewalttätig vorgeht. Letztlich stammt das Wort wohl aus dem Mittellateinischen, „ribaldus“, was einen Strolch bezeichnet, ein Begriff, der vom Alemannischen „strollen“ stammt, was so viel meint wie Umherstreifen, also genau das, was ein Jäger gemeinhin tut. Doch statt einer umfassenden Exegese hörte Krause, nach eigenem Empfinden, umfassende, zum Teil oberlehrerhafte Ausführungen zu der von der Presse zu verwendenden Sprache im Allgemeinen und dem vermeintlichen Abdriften des „Nordkuriers“ in Richtung Boulevardzeitung im Besonderen. Krause hätte den Sachverhalt objektiver und zurückhaltender berichten und seine Sprache etwa „der Stellungnahme der Unteren Jagdbehörde anpassen“ können.

          Der Chefredakteur Lutz Schumacher beklagt verschiedene „Einschüchterungsversuche“ der Staatsanwaltschaft in den vergangenen Monaten. Gegen Journalisten seines Blattes wurde auch wegen Verleumdung und Geheimnisverrat ermittelt - Letzteres, weil man über den Inhalt nichtöffentlicher Gemeinderatssitzungen berichtet hatte. „Die hiesige Staatsanwaltschaft ist übereifrig, man begreift dort nicht die verfassungsrechtlich geschützte Stellung der Presse“, klagt Schumacher: „Dieser permanente Terror kann bei meinen Mitarbeitern eine Schere im Kopf verursachen, nach dem Motto: Dann berichten wir eben nicht mehr alles.“ Beim „Nordkurier“ gibt es einen Rechtsschutz für alle Journalisten, Krause wird die tausend Euro nicht aus eigener Tasche zahlen müssen. Schumacher glaubt, dass das Urteil in der nächsten Instanz aufgehoben wird. In einem Kommentar hat er nun von „Rabauken in Richter-Roben“ geschrieben. Die nächste Strafanzeige dürfte schon vorbereitet werden, hatte die Richterin im Prozess doch mitgeteilt, sie möchte auch nicht als „Rabaukin“ bezeichnet werden. Der stellvertretende Regierungssprecher von Mecklenburg-Vorpommern, Oliver Kaiser, erklärte, die Landesregierung kommentiere grundsätzlich nicht die Entscheidungen von unabhängigen Gerichten. Allerdings ergänzte er: „Die Meinungsfreiheit ist für die Landesregierung selbstverständlich ein hohes Gut.“

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