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Gott und Teufel : Wie kommt das Böse in die Welt?

  • -Aktualisiert am

Abstrakte Figurationen rechnet der menschliche Geist in Engelsgesichter und Teufelsfratzen hoch: Gerhard Richters Chorfenster in der Abtei von Tholey. Bild: EPA

Macht es sich Norbert Lammert, der frühere Bundestagspräsident, mit seiner Übersetzung des Vaterunser-Gebets zu einfach? Mönche der Benediktinerabtei von Tholey zeigten sich angeregt.

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          Die Abtei von Tholey im westlichsten Winkel der Republik ist ein Ort ungläubigen Staunens. In den Schaumbergturm hat neulich der Blitz eingeschlagen. Kaum weniger überraschend wendete sich das Schicksal von Deutschlands ältestem Kloster. 2008 stand es vor dem Ruin. Nur sechs hochbetagte Brüder lebten noch in den bröckelnden Gemäuern von St. Mauritius, es fehlte an Geld, die Kirchenscheiben waren blind. Irgendwann fasste sich Abt Mauritius Choriol ein Herz und schrieb Gerhard Richter. Er habe doch für Köln ein Fenster entworfen, ob Tholey wohl auch in Frage komme?

          Gebeten hatte der Abt den bekennenden Atheisten um ein kleines Seitenfenster, gerechnet hatte er mit einer Absage. Was das Kloster schließlich geschenkt bekam, war der „New York Times“ 2020 eine ganze Seite wert: drei großformatige Chorfenster hat der Künstler für die saarländische Provinzgemeinde inmitten märchenhafter Wälder geschaffen. Ihr kaleidoskopisches Leuchten lässt den Kirchenraum aufs Himmlischste funkeln.

          Nicht fremd in der Welt

          Die Mönche, inzwischen wieder zwölf und deutlich verjüngt, treten der lauten Welt da draußen nicht etwa als Fremde gegenüber. So war der Abt, der Richter einst anschrieb, in seinem früheren Leben Souschef eines Zweisternerestaurants und bekocht heute die Gäste des Klosters. Und kein Wunder, dass Norbert Lammert ebendort eingeladen war mit seiner wohl bekanntesten Versuchung, der Neuübersetzung des Vaterunser-Gebets. Zur Aufführung kam es in Tholey in einer Bearbeitung von Stefan Heucke für Orgel und Chor. Die Mischung aus Tonalität und Atonalität spiegelte sich herrlich im Wechselspiel von Richters abstrakter und figürlicher Motivik. Die eigentliche Frage des Abends aber lautete: Darf Lammert das denn, Bundestagspräsident a. D. hin oder her? Den bekanntesten Text der Christenheit so angehen, der von Jesus auf Aramäisch gesprochen, ins Griechische niedergeschrieben in der Luther-Fassung den Deutschen vertrauter ist als die Nationalhymne?

          Für Bruder Wendelinus stand das außer Frage. Von der auf Irritation und also Ausbruch aus dem Wortlaut abzielenden Neuübersetzung schien er eigentümlich angeregt. Geschrieben hat Lammert sein Paternoster ja lange bevor der Papst 2017 seine Verstimmung über die überkommene Übersetzung des Gebets öffentlich machte, weil er die siebte Bitte für eine unzulässige Unterstellung hält: Gott könne die Menschen gar nicht in Versuchung führen. Lammert hat sie mittels Kunstgriff suspendiert. Über das Böse und seine Ursprünge rätselt die Kirche seit Anbeginn.

          Was wir sehen und sehen wollen

          In Tholey meinte man während des unerwarteten Vaterunsers auch in den Fenstern Gerhard Richters bald nicht mehr nur mathematische Spiegelungen und farbliche Anordnungen zu sehen, sondern allerhand Engelsgesichter und Teufelsfratzen. Man sagt, das sei der Rorschachtest-Effekt, wonach wir gar nicht anders können, als noch in den abstraktesten Formationen Bekanntes zu entdecken. Es lässt sich in Tholey aber ebenso gut als hellsichtige Antwort eines Agnostikers auf die Unerklärbarkeit des Universums verstehen.

          Sandra Kegel
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

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