https://www.faz.net/-gqz-8ynuf

Theresa May und ihr Vorgänger : Mission gescheitert

  • -Aktualisiert am

Theresa May am Tag nach der Wahl Bild: EPA

Theresa May hätte sich an einen Vorgänger erinnern sollen. Der suchte vor Jahrzehnten mit der Frage „Wer regiert Britannien?“ die Wahl zu gewinnen – und bekam zur Antwort: „Du nicht“.

          3 Min.

          Neben „Brexit heißt Brexit“ gehörte der Satz, „Das Volk hat gesprochen“ zu den refrainartig wiederholten Parolen, mit denen die britische Premierministerin ihre „große nationale Mission“ rechtfertigte, das Versprechen des Brexit einzulösen. Ein knappes Jahr nach dem Referendum über den Austritt aus der EU hat das Volk wieder gesprochen, abermals mit gespaltener Zunge. Theresa May glaubte das Königreich einen zu können mit der patriotischen Vision einer von den Fesseln der EU befreiten Nation, die den „historischen Moment“ ergreife, um eine „strahlende Zukunft“ zu bauen. Wenn die große Union aus England, Schottland, Wales und Nordirland sich etwas in den Kopf setzte und resolut zusammen arbeite, dann „sind wir eine unaufhaltsame Kraft“, versicherte die Premierministerin im Wahlkampf.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Stattdessen ist das Land zwischen links und rechts, zwischen Jung und Alt, Stadt und Land polarisiert, wie lange nicht mehr. Seit den siebziger Jahren wird argumentiert, dass Labour mit einem sozialistischen Programm nicht gewinnen könne. Nach Jahren der Niederlagen lag Tony Blairs große Leistung in den neunziger Jahren darin, den aufsässigen linken Flügel zu überzeugen, die politischen Ideale zurückzustellen hinter den übergeordneten Interessen der Partei, um Labour wieder wählbar zu machen.

          Von achtundzwanzig auf einundsechzig Prozent

          Jeremy Corbyn geht zwar nicht als Sieger aus dieser Wahl hervor, doch hat er mit einem als progressiv getarnten, regressiven Programm, das sich stellenweise liest wie Tony Benns Verstaatlichungspläne der siebziger Jahre, alle Erwartungen übertroffen. Ausgerechnet der älteste Labour-Kandidat, seit Michael Foot 1983 gegen Margaret Thatcher antrat, hat es vermocht, eine Generation zu mobilisieren, die unbelastet ist von Erinnerungen an die durch Streiks gelähmten staatlichen Industrien, an den Terror der IRA, an die Misere des Kommunismus und die Bedrohungen durch den Ost-West-Konflikt.

          Unser Angebot für Erstwähler
          Unser Angebot für Erstwähler

          Lesen Sie 6 Monate die digitalen Ausgaben von F.A.Z. PLUS und F.A.Z. Woche für nur 5 Euro im Monat

          Zum Angebot

          Die Jugend, die sich durch das Brexit-Votum und die Sparpolitik der Konservativen um ihre Zukunft betrogen fühlte, scheint den Ausschlag gegeben zu haben. Das lässt sich nicht nur aus der höheren Wahlbeteiligung gegenüber 2015 schließen, sondern auch aus Umfragen, die darauf deuten, dass das die Labour-Strategie gefruchtet hat, während die konservative Kampagne ins Stocken geriet. Im April äußerten 28 Prozent der Altersgruppe zwischen achtzehn und 24 Jahren die Absicht, für Labour zu stimmen, gegenüber sechzehn Prozent für die Konservativen. Ende Mai war die Zahl der voraussichtlichen Labour-Wähler auf einundsechzig Prozent gestiegen und die für die Konservativen auf zwölf Prozent gesunken.

          Auf ähnliche Weise aus der Bahn geworfen

          Theresa May hat sich mit der Suche nach einem persönlichen Mandat zur Stärkung ihrer Verhandlungsposition genauso verrechnet wie Edward Heath, als er im Februar 1974 mit einer vorgezogenen Wahl seinen Vorsprung in den Meinungsumfragen umzusetzen hoffte in eine größere parlamentarische Mehrheit. Er erhielt damals zwar die Mehrheit der Stimmen, aber nicht der Sitze und musste nach dem gescheiterten Versuch einer Koalitionsbildung, zunächst mit den Liberalen und dann mit Ulster-Unionisten, der Labour-Minderheitsregierung weichen. Sieben Monate später wurde wieder gewählt.

          So, wie Theresa May diesen Urnengang zur Brexit-Wahl erklärte, wandte sich Heath damals mit einer Frage an die Bevölkerung. Diese solle entscheiden: „Wer regiert Britannien, der gewählte Premierminister oder die Bergarbeitergewerkschaft?“ Der damals schon über den Linksruck unzufriedene Politiker Roy Jenkins, der Labour sieben Jahre später spaltete mit der Gründung einer Partei der sozialdemokratischen Mitte, urteilte in seinen Erinnerungen, dass Heath sich geirrt habe mit der Vorstellung, dass sich ein „Ein-Thema-Wahlkampf“ über mehrere Wochen aufrechterhalten lasse. Heath habe nicht über das Gewicht verfügt, das der liberale Politiker William Gladstone 94 Jahre zuvor besessen habe, als er in der sogenannten Midlothian-Kampagne die nationale Debatte beherrschte durch seine beharrliche Kritik an der Kolonialpolitik der Regierung des konservativen Premierministers Disraeli in Reden, die bis zu fünf Stunden dauerten.

          In der Krisenwahl von 1974 kam eine Fülle von Themen auf, die von Heaths zentraler Frage ablenkten, darunter der Messerstich des als Judas verschrieenen anti-europäischen Konservativen Enoch Powell, der den Tories riet, für Labour zu stimmen, weil die Partei ein Referendum über den Beitritt zu Europa versprochen hatte. Wie Ian McEwan später in seinem Roman „Honig“ schrieb, „hatten die Menschen aufgehört, sich zu sorgen über die Bergarbeiter und die Frage, wer Britannien regiert“. Stattdessen „hatten sie begonnen, sich über die Inflation von zwanzig Prozent zu sorgen, über den wirtschaftlichen Zusammenbruch und darüber, ob wir auf Powell hören, Labour wählen und aus Europa austreten sollten“. Theresa Mays Kampagne ist auf ähnliche Weise aus der Bahn geworfen worden. Heath bekam auf seine Frage, wer Britannien regiere, die Antwort „Du nicht.“ Theresa May wäre gut beraten gewesen, die Erinnerungen von Roy Jenkins zu lesen.

          Weitere Themen

          Boris Johnson ist nervös

          Parlamentswahl : Boris Johnson ist nervös

          Vor der Neuwahl des Parlaments in Großbritannien liegen die Konservativen rund um Boris Johnson immer noch vorne, haben aber in aktuellen Umfragen leicht eingebüßt. Für den Fall eines Scheiterns lässt Johnson seine Zukunft offen.

          Weltloses Melodrama Video-Seite öffnen

          Filmkritik „The Kindness of Strangers“ : Weltloses Melodrama

          Die dänische Regisseurin Lone Scherfig hat mit ihrem neusten Film ein unrealistisches Melodrama entworfen, findet F.A.Z.-Redakteur Andreas Kilb. Warum sich ein Besuch im Kino trotzdem lohnt, verrät die Videofilmkritik.

          Topmeldungen

          Präsidenten Macron und Putin in Paris

          Ukraine-Gipfel in Paris : Die Folgen der Inkonsequenz

          Auf dem Pariser Gipfel ging es nicht nur um den russisch-ukrainischen Konflikt. Sondern auch darum, mit welchen Botschaften der Westen dem russischen Regime entgegentritt. Putin spielt auf Zeit – und der Westen setzt ihm kaum etwas entgegen.

          Aktiensteuer : Scholz’ Zerrbild

          Olaf Scholz wollte die Verursacher der Finanzkrise zu Kasse bitten. Doch Algo-Trader oder Derivate-Händler sind – im Gegensatz zu ETF-Sparern und Kleinaktionären – von seiner Steuer nicht betroffen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.