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Auf zum Brexit : Was soll das heißen: Global Britain?

Theresa May spricht beim WEF in Davos. Bild: EPA

Wir möchten lieber etwas Größeres sein: Das kennt man aus der britischen Geschichte. Aber Theresa May ist keine Imperialistin, sondern eine Unternehmensgründerin.

          Gleich sechs Mal kommt in der Rede, die Theresa May am Dienstag hielt, die Wendung vor, dass der Staat, der nun die Verhandlungen über seinen Austritt aus der Europäischen Union aufnehmen wird, aus diesem Prozess als ein „globales Britannien“ hervorgehen werde. Im Manuskript ist das Adjektiv großgeschrieben: „Global Britain“ ersetzt „Great Britain“ als wenigstens informeller Staatsname.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          So ging auch der Name „Great Britain“ in die englische politische Sprache als Formel der Regierungspropaganda ein, die einen späteren Verfassungszustand vorwegnahm. König Jakob I. von England, gleichzeitig der sechste Träger dieses Namens in der Reihe der schottischen Könige, nannte sich „King of Great Britain“. Erst hundert Jahre später wurde 1707 durch die Union der Parlamente von Westminster und Edinburgh das bis heute bestehende Königreich Großbritannien geschaffen.

          Ein Superstaat

          Theresa Mays Beschwörung einer künftigen globalen Identität Britanniens soll die Sorge entkräften, das aus der EU ausscheidende Großbritannien werde zu klein sein, um sich in der heutigen Welt zu behaupten. Die Wortschöpfung der Premierministerin steht in der Tradition eines gedanklichen Expansionismus des britischen Staatsdenkens, der in Krisenzeiten des Staatensystems wiederkehrt.

          Theresa May und ihre „Brexit“-Rede auf jeder Titelseite.

          In den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, in der Zeit der kriegerischen Einigung Deutschlands und Italiens und des Amerikanischen Bürgerkriegs, entwickelte der Jurist und spätere Kabinettsminister Sir Charles Dilke nach einer Reise nach Neuseeland und Australien die Vision eines „Greater Britain“, einer Union der britischen Inseln mit den von Briten besiedelten Kolonien. Der Historiker Duncan Bell hat 2007 in dem Buch „The Idea of Greater Britain: Empire and the Future of World Order“ die These aufgestellt, dass die Bedeutung der Projekte eines weltumspannenden, föderal gegliederten britischen Superstaats unterschätzt worden sei. Dilke gehörte in der Innenpolitik zu den Radikalen, Sozialreformern, die im Interesse eines starken Staates eine Entrümpelung der aus feudaler Zeit überkommenen Verfassung forderten.

          Eine neue Firma

          Als verpasste Chance ist die Idee eines Umbaus des britischen Empire zu einem Staatenverbund eigener Art mit Joseph Chamberlain verbunden, einem der begabtesten Staatsmänner der britischen Geschichte. Chamberlain, am Anfang seiner Karriere ein radikaler Bundesgenosse Dilkes, brach mit den Liberalen, weil diese Irland die Selbstregierung zusicherten. Für sein Programm der Empire-Reform gewann er die Konservative Partei, aber keine Mehrheit der Wähler. Die Einheit von Chamberlains Weltbund der britischen Völker hätten Schutzzölle stiften sollen. Dieses Programm eines kalten Handelskriegs insbesondere gegen das Deutsche Reich erwies sich als unpopulär. Zu stark wurde im britischen Nationalbewusstsein der Wohlstand des Volkes mit der Ideologie des Freihandels assoziiert, vor allem wegen der Brotpreise.

          Akademisch blieb die Frage, wie bei gleichberechtigter globaler Mitherrschaft Kanadas, Australiens, Neuseelands und Südafrikas die Souveränität des Parlaments von Westminster hätte bewahrt werden können. Schon 1776 war der Verbleib der nordamerikanischen Kolonien im Reichsverband daran gescheitert, dass das Parlament keine Souveränitätsteilung wollte. Wie Chamberlain das Problem der irischen Autonomie durch das Aufgehen des Vereinigten Königreichs in einem supranationalen Weltbritannien gegenstandslos machen wollte, will Theresa May jetzt die mit dem Brexit hadernden Schotten durch das Ausmalen globaler Optionen gewinnen. Unter den Eroberern und Verwaltern der Kolonien waren die Schotten überproportional vertreten.

          Aber hat Frau May wirklich die Erneuerung einer britischen Reichspolitik im Sinn? Die durch das Brexit-Votum zurückgewonnene Parlamentssouveränität wird der globale Ausbau Britanniens nur dann nicht beeinträchtigen, wenn die in Aussicht gestellten Abmachungen mit „alten Freunden und neuen Alliierten“ keine staatsrechtliche Qualität haben. Tatsächlich sagt die Rede nichts zu politischen oder gar geopolitischen Zielen, die das globale Britannien auf der Weltbühne verfolgen könnte. Es will und soll offenbar bloß Handel treiben. Die Premierministerin beschreibt „Global Britain“ wie ein Unternehmen, als Global Player. Der Staat gibt sich einen neuen Namen, wie man das von Firmen kennt, die den Weltmarkt ins Visier nehmen. Damit wird wie zu Chamberlains Zeiten der Freihandel zur Schicksalsfrage. Die Wirtschaftshistorikerin Victoria Bateman aus Cambridge hat die riskanteste Prämisse von Theresa Mays Marketingstrategie benannt: Die Premierministerin tut so, als wäre das Referendum über die EU ein Votum für die Globalisierung gewesen.

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