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„Europa“-Tage in Frankfurt : Hauptsätze alleine reichen nicht

  • -Aktualisiert am

Das Gastspiel „Common Ground“ von Regisseurin Yael Ronen begeisterte die Zuschauer im Frankfurter Schauspielhaus. Bild: Thomas Aurin

Wie sieht die Zukunft Europas aus? Auf den Thementagen „Erfindung Europa“ im Frankfurter Schauspiel debattierten namhafte Intellektuelle über die großen Fragen der Zeit. Ein Theaterstück lässt die Definitionswut verstummen.

          Wer am vergangenen Wochenende die Thementage „Erfindung Europa“ im Schauspiel Frankfurt besuchte, der konnte den Eindruck gewinnen, das Ende sei nahe. Nichts weniger als das Schicksal Europas stehe auf dem Spiel, so eröffnete der Politikwissenschaftler Werner Weidenfeld am Freitagabend die Gesprächsrunde. Wenn die Messlatte einmal so hoch gesetzt ist, dann fällt es schwer, nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Doch wer unten bleibt, der übersieht den Ernst der Lage, so die Stimmen des intellektuellen Empowerments.

          Jakob Augsteins Traumverweigerung in dem von Michel Friedman moderierten Eröffnungspodium hatte deshalb geradezu etwas Erfrischendes: Während Daniel Cohn-Bendit vom Drehstuhl aus die Zukunft Europas beschwor, richtete Augstein das Augenmerk auf die gegenwärtig erstarkten Rechten. Der Ökonom Marcel Fratzscher versuchte die politischen Handlungen der einzelnen Nationalstaaten von den Maßnahmen der EU abzugrenzen. So sei der griechische Staatsbankrott selbstverschuldet gewesen, die EU hätte lediglich zur Rettung beigetragen. Dass die Troika dem griechischen Staat beim Wiederaufbau des eigenen Sozialstaats nicht gerade dienlich ist, geschenkt.

          Abstraktion hat im Moment der Krise wenig Chancen

          Wer spricht für wen? Der Rechtspopulismus nutzt diese Frage für seine Zwecke aus. Die Bürger, die sich von der politischen und kulturellen Elite nicht ausreichend beachtet fühlen, wählen im vollen Bewusstsein um die Widersprüche ihre rechten Vertreter. Dass gerade dort Ressentiments gegen Flüchtlinge (die übrigens in den Redebeiträgen kaum Erwähnung fanden) virulent sind, wo kaum welche leben, ist Beispiel der irrationalen Handlungen genug. Da hilft es nicht, an die Vernunft zu appellieren. Darüber führten Frédéric Lordon und Ulrike Guérot eine substantielle Debatte. Unter dem Titel „Republik Europa oder Rückbau Europa“ zeichnete Lordon nach, warum die bestehenden Strukturen der EU von „Grund auf antidemokratisch“ seien und die Bürger deshalb ihre Hoffnungen aus Protest auf die nationalistischen Versprechen setzen würden. Nur wenn die Bürger an den politischen Entscheidungsfindungen der EU beteiligt seien, könne die Anziehungskraft einer Renationalisierung anders kanalisiert werden. Die EU als Republik, so Guérots Vorschlag, könne eine derartige Identitätsalternative zum Nationalstaat sein.

          Wie stark der Wunsch nach Beteiligung ist, konnte man im Anschluss im Chagallsaal erleben. Und ebenso, wie heftig dieser Wunsch das theoretische Denken in Bedrängnis bringt. Abstraktion hat im Moment der Krise wenig Chancen. Denn allein die Frage, was der Nutzen der Theorie genau sei, ist für sie zerstörerisch. Was nicht verständlich oder anwendbar klang, gab somit Teilen des Publikums auch Anlass genug, echauffiert herumzumurmeln und zu zetern. Im von Guillaume Paoli wirr moderierten Gespräch wurde Chantal Mouffe, einer Ikone der politischen Theorie, der Ton abgedreht, zu lang, zu kompliziert und zu realitätsfern erwies sich ihre Rede für die Verantwortlichen am Mischpult. Das kann man nicht machen! Die Wirklichkeit ist eben komplexer, als es die meisten sich wünschen - schon Thomas Brasch wusste, dass „Hauptsätze alleine nicht reichen“. Wer die Augen aufmacht, der wird einsehen müssen, dass die gegenwärtige Krise nicht durch einfache Parolen gelöst werden kann.

          Zur Not mit ganz viel Liebe

          Ist der Wunsch nach Unmittelbarkeit für die Theorie ein Horror, so bietet er der Kunst eine Möglichkeit: Am Abend bei einem Gastspiel von Yael Ronens Theaterstück „Common Ground“, das im Maxim Gorki Theater in Berlin uraufgeführt worden war, entluden sich somit die Emotionen: Obgleich die ästhetischen Mittel nicht überzeugen konnten, entfaltete die von sieben Schauspielerinnen und Schauspielern erzählte Geschichte ihrer Rückkehr an einen Schreckensort des Balkankonflikts in Bosnien eine ungemein dramatische Wirkung. Der Übergang zwischen Schauspiel und Realität war kaum merklich und die Zerstörungskraft des Krieges plötzlich zum Greifen nah.

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          Wer also nach Berührung sucht, sollte nicht die Theorie befragen. Den Nachweis, dass sich abstrakte Erkenntnis und praktische Politik auch performativ im Weg stehen können, lieferte ein kleines Detail im Abschlussgespräch zwischen dem Schriftsteller Navid Kermani und dem Direktor des Instituts für Sozialforschung Axel Honneth am Sonntag. Am Ende traten hier Kermanis Bruder und Schwägerin auf die Bühne. Sie organisieren Hilfe für Flüchtlinge und berichteten von ihren Erfahrungen. Von Kermani kamen im Anschluss dann Sätze wie „Es tut gut, freundlich zu sein“. Die Thementage haben bewiesen, dass zur Not mit ganz viel Liebe die Wirklichkeit der Krise auch wegemotionalisiert werden kann.

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