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Terrorfrei : Unser Leben im Ausnahmezustand

Im Ausnahmezustand: Soldaten vor dem Brüsseler Hauptbahnhof Bild: AFP

So verständlich die Angst vor weiteren Terroranschlägen in Europa ist: Es sind vor allem die Sicherheitsmaßnahmen, die für Verunsicherung sorgen. Der Zweifel an der Funktionalität der Privilegien wächst, die wir dem Staat einräumen.

          7 Min.

          Es herrscht Ausnahmezustand in Europa. Aber woran erkennt man ihn? Ist es das Bild der Soldaten, die durch leere Einkaufspassagen patrouillieren, ein Bild wie aus der Zombieserie „The Walking Dead“, das eher wie eine Szene aus der Zeit nach einer Katastrophe aussieht und nicht wie eine, die sie verhindern soll? Sind es die besorgten Anrufer aus Israel, die wissen wollen, ob ihre Freunde in der Hauptstadt Europas sicher sind, von denen Daniel Schwammenthal berichtet, der Direktor der jüdischen Interessenvertretung AJC Transatlantic Institute in Brüssel? Ist es die Meldung am Rande, dass das flämische Verkehrsunternehmen De Lijn den Busfahrern, die trotz Terrorstufe 4 bereit waren, nach Brüssel hineinzufahren, eine Prämie von 50 Euro versprochen hat, „Zittergeld“, wie es die flämischen Medien nannten?

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Oder kommt doch nichts an die Symbolkraft der Bilder leerer Klassenzimmer heran, die veranschaulichen, wie gründlich die Gewissheiten unseres Alltags plötzlich erschüttert werden: Nicht in die Schule gehen zu müssen, wegen Krankheit oder vielleicht auch mal aus Faulheit, das war bisher die Ausnahme von der Regel. Nicht in die Schule gehen zu dürfen - undenkbar. Auch dafür gibt es nun ein Wort: „terrorfrei“. Nicht einmal aus dem Haus dürfen manche Kinder noch gehen, wo das doch immer das Gebot jeder medienkritischen Erziehung war: frische Luft, Bewegung, Wirklichkeit. Wie werden die Brüsseler Lehrer ihren Schülern erklären, wenn sie die vergangenen Tage pädagogisch aufarbeiten, dass nicht mehr galt, was sie ihnen jahrelang über das Leben erzählten? Und wie sollen das unsere Kinder verstehen, die deutschen Mittelstandskinder, die in den Mittelstandskindernachrichten im Fernsehen nun täglich hören, wie der Terror näher kommt, gerade noch verhindert wird, oder auch nicht? Werden sie uns noch glauben, wenn wir ihnen erzählen, dass das doch nur Fernsehen ist? Dass nicht der Terror in Brüssel angekommen ist, sondern die Angst vor ihm? Können wir uns das selbst noch glauben?

          Die Notwendigkeit einer geheimen Handlungsebene

          So verständlich nach dem 13. November die Angst vor weiteren Terroranschlägen in Europa ist: Es sind vor allem die Sicherheitsmaßnahmen, die für Verunsicherung sorgen. Was die Gewalt der Terroristen nicht geschafft hat, erledigt jetzt die Entscheidung der Sicherheitsbehörden, nicht nur, indem sie das gerade noch allseits erhobene Hedonismusgebot per Verwaltungsakt aushebelt. Es ist gar nicht so sehr die ungewohnte Einschränkung der Freiheit, die den Boden des Alltags ins Wanken bringt. Sosehr Behörden in ganz Europa nun auch von einer dauerhaften Ausweitung ihrer Befugnisse träumen: Das radikale Element des Ausnahmezustands ist nicht die Befürchtung, dass aus ihm eine Regel werden könnte und sich die europäischen Demokratien zu autoritären Polizeistaaten entwickeln. Die Ausrufung des Ausnahmezustands, die als präventive Maßnahme ihre Notwendigkeit nie belegen kann, verursacht eine viel tiefere Irritation: Sie stellt das Vertrauen in die staatlichen Institutionen in einem Moment in Frage, in dem diese sämtliche Antworten schuldig bleiben müssen.

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