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IS-Terror : Die vierte Generation ist unter uns

  • -Aktualisiert am

Im Namen des Terrors: Eines von vielen Bekennervideos der Terrormiliz „Islamischer Staat“. Bild: dpa

Wer im Namen des IS mordet, bekommt, wenn er seine Sache besonders gründlich macht, den Ehrentitel „Inghimasi“. Effizienz ist dabei alles.

          Das Selbstmordattentat, bei dem die Selbstsprengung als Handlungsmuster vorgegeben ist, und seine mediale Inszenierung waren ursprünglich eine Erfindung linksgerichteter palästinensischer Terrororganisationen. Ihre Attentäter wurden in den siebziger Jahren unter der säkularen Bezeichnung „Selbstmordkommando“ auf Todesmission geschickt. Ein Jahrzehnt später prägte, um das mit Selbstmordanschlägen kollidierende Suizidverbot im Islam zu umgehen, die proiranische libanesische Schiitenmiliz Hizbullah für ihre Selbstmordbomber den islamisch konnotierten Ehrentitel „Istischhadi“ – gemeint ist damit ein Dschihadist, dessen Selbsttötung im Rahmen einer „Märtyrertod-Operation“ (amaliya istischhadiya) erfolgt.

          Der Begriff machte eine ebenso steile Karrierre wie die Waffe des Selbstmordattentats. Auch für sunnitische Suizidbomber, die Schiiten angreifen, stellt er eine begehrte Ehrenbezeichnung dar, obgleich der Terminus schiitischer Provenienz ist. So wurde der „Istischhadi“ schnell zum Inbegriff islamistischen Heldentums. Den Ruhm allerdings muss er sich auf sunnitischer Seite seit einigen Jahren immer häufiger mit einem neuen Terrorkollegen teilen: dem „Inghimasi“. Der Infinitiv „Inghimas“ hat im Arabischen zweierlei Bedeutungen: „eintauchen“, weit in das Lager des Feindes, um ihn dort zu überraschen; und „sich (absolut) hingeben“. Den neuen islamistischen Terminus technicus für Selbstmordkämpfer hat allem Anschein nach Al Qaida im Irak eingeführt, noch ehe sie sich in die beiden rivalisierenden Lager „Islamischer Staat“ und „Nusra-Front“ spaltete.

          Dort zündeten sie dann ihre Sprenggürtel

          Anders als der „klassische“ Selbstmordattentäter, der in einem weitgehend standardisierten Ablauf nur per Knopfdruck Sprenggürtel oder Autobombe zündet, hat der „Inghimasi“ weit komplexere Aufgaben zu bewältigen, die bei aller Variation nur auf das eine abzielen: die Effizienz des Angriffs und möglichst die Zahl der Opfer maximal zu steigern. Ob dabei zur Selbstsprengung gegriffen wird, entscheidet sich je nach Situation und der Möglichkeit, ausreichend Sprengstoff ans vorgesehene Ziel zu transportieren.

          Die „Nusra-Front“ etwa hatte vor zwei Jahren im nordsyrischen Ort Deir Hanna das Problem, dass sie von einem mehrstöckigen Gebäude aus unter Dauerbeschuss genommen wurde. Die feindliche Stellung mit einer Autobombe zu zerstören war nicht möglich, weil in dem inzwischen in Trümmern liegenden, dichtbebauten Gebiet ein vermintes Fahrzeug nicht bis ans Ziel gesteuert werden konnte. Stattdessen schickte man zwei bewaffnete „Inghimasiyin“ los, die sich bis zu dem Haus durchkämpften, ehe sie sich mit dem mitgeführten Sprengstoff in die Luft jagten und den Feind ausschalteten. Ihre Aktion kann sich heute jeder auf Youtube anschauen. In einem anderen Fall gelang es zwei Nusra-Kämpfern, bis in das Innere eines gut bewachten feindlichen Stützpunkts einzudringen, wo sie ihre Sprenggürtel zündeten und eine große Gruppe syrischer Regierungssoldaten mit sich in den Tod rissen.

          Die „neue vierte Generation der IS-Selbstmordattentäter“

          Die IS-Terrormiliz steht der Rivalin „Nusra-Front“ in nichts nach und rühmt sich ebenfalls ihrer „Inghimasiyin“, die es, häufig in kleinen Gruppen, immer wieder schaffen, tief in Feindesgebiet vorzudringen und den Gegner erst in Feuergefechte zu verwickeln und ihm dann durch die Detonation mitgeführter Bomben große Verluste zuzufügen. Im Gegensatz zu den Todesfahrten der Selbstmordattentäter, die von den Terrororganisationen regelmäßig aus größerer Entfernung gefilmt werden, können solche Operationen kaum auf Video festgehalten werden.

          Wohl auch deshalb verwendet der IS in seinen Kriegsmeldungen häufig den Terminus „Inghimasi“, der offensichtlich noch mehr Angst einzuflößen vermag, weil seine genaue Bedeutung selbst arabischen Lesern nicht unbedingt klar ist; davon zeugen die sich häufenden Erklärungsversuche führender arabischer Medien. So fühlte sich Anfang Juli die in London erscheinende internationale saudische Zeitung „Al-Sharq Al-Awsat“ bemüßigt, über das rätselhafte Phänomen der „Inghimasi“-Terroristen aufzuklären, die sie als die „neue vierte Generation der IS-Selbstmordattentäter“ beschrieb.

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