https://www.faz.net/-gqz-9sdzr

Über die Gamifizierung : Terror als Spiel

Screenshot aus dem Computerspiel „Counterstrike“ des Herstellers Sierra Entertainment Bild: Ullstein

Warum modelliert ein antisemitischer Attentäter seine Morde nach dem Vorbild von Ego-Shootern? Die abgründige politische Dimension der „Gamifizierung“, der Übertragung von Computerspielen auf die Realität, ist noch nicht annähernd begriffen.

          7 Min.

          Über Computerspiele zu sprechen, wenn es um Ereignisse wie den Terroranschlag in Halle geht, wird hierzulande oft als Verharmlosung oder Ablenkung verstanden (so wie Donald Trump offensichtlich von der Notwendigkeit neuer Waffengesetze ablenken wollte, als er nach dem Schulmassaker von Parkland 2018 als erstes von Gewalt in Videospielen sprach). Doch wenn man das sogenannte Spiel so eng mit der Ideologie verknüpft, wie es bei den Morden tatsächlich gewesen ist, stellt das Thema eine notwendige Zuspitzung, ja Verschärfung der politischen Frage dar, um die es geht: Was haben der Rechtsradikalismus, der Rassismus und der Antisemitismus, die jetzt immer mörderischere Folgen hervorbringen, mit der Gesellschaft zu tun, die sie umgibt, und wie verändern sie diese?

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Natürlich gehört dazu die Durchleuchtung rechtsradikaler Milieus in bestimmten Computerspielnetzwerken (was ja so wenig behauptet, dass Computerspieler von sich aus zum Rechtsradikalismus neigen, wie die Ermittlung in rechtsradikalen Kneipen nahelegt, Kneipengänger seien generell verdächtig). Aber um die politische Dimension der Spiele ernst zu nehmen, muss man auch noch grundsätzlichere Fragen stellen: Was bedeutet es überhaupt, wenn ein antisemitischer Attentäter sich der Formen und der Sprache der Gamer-Szene bedient, wenn er seine Taten nach deren Vorbild modelliert? Früher wurde diese Frage meist auf einen psychologischen Aspekt reduziert, etwa wenn man sich dafür interessierte, ob die Spiele die Gewaltbereitschaft im realen Leben steigern. Eine solche Psychologisierung, oft noch mit einer allgemeinen Entwirklichungshypothese im Rücken, machte es den Verteidigern der Branche leicht, ihren Kritikern kulturpessimistische Ignoranz vorzuwerfen, die sich gegen das kulturell Neue, das Computerspiele darstellen, sperrt. Seither haben im Übrigen mehrere Untersuchungen, etwa des amerikanischen Psychologen Christopher Ferguson, in Zweifel gezogen, dass die Spiele die Neigung zur Gewalt generell fördern. Heute geht es weniger darum, ob sie zu einer Verwechslung mit der Wirklichkeit Anlass geben, als darum, inwiefern sie die Wirklichkeit verändern, in der sie bewusst eingesetzt werden.

          Es ist offensichtlich, dass sich der Mörder von Halle bis in viele Einzelheiten hinein an Brenton Tarrant, dem Attentäter im neuseeländischen Christchurch, orientierte, der am 15. März in zwei Moscheen 51 Menschen erschossen hatte. Beide betteten ihre Taten durch deren Inszenierung bei einer Live-Übertragung im Internet in ein Computerspiel-Setting ein. Die Perspektive der auf einen Helm montierten Kamera auf den Waffenlauf ähnelt der Sicht der Protagonisten in Ego-Shooter-Spielen, bei denen es darauf ankommt, in einer dreidimensionalen virtuellen Welt möglichst viele Gegner abzuschießen. Als Medium wählte der Mörder das Live-Streaming-Portal Twitch, das vor allem für die Übertragung von Videospielen genutzt wird. Sich selbst bezeichnet er als „Anon“, und in dem fortlaufenden Kommentar, mit dem er, wie in vielen Spielen üblich, den Livestream unterlegt, nimmt er auch sonst immer wieder Bezug auf „Memes“ und Codewörter, die in der Szene gebräuchlich sind. In einem zuvor verfassten Manifest spricht er von „Achievements“, die er sich zum Ziel setzt wie Gamer, die auf Punkte oder sonstige digitale Trophäen aus sind. Nach dem Christchurch-Massaker brachten Nutzer des einschlägig rechten Portals „8chan“ ihren Willen zum Ausdruck, dessen hohe Punktzahl zu schlagen, „to beat his high score“. Gemeint war die Zahl der Ermordeten.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Eine Frau mit Maske überquert die Straße im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Im Hintergrund ist ein Stoppschild auf die Wand gemalt: „Nicht ein Toter mehr!“

          Liveblog zum Coronavirus : Mehr als 300.000 Infizierte in Amerika

          Leichte Hoffnung für Italien: Die Zahlen der täglichen Toten ist gesunken +++ Die schwangere Verlobte des britischen Premiers Johnson litt nach eigenen Angaben unter dem Coronavirus +++ Sánchez will Ausgangsbeschränkungen in Spanien verlängern +++ Alle Entwicklungen im Liveblog.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.