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Norweger im Zweiten Weltkrieg : Nordische Kolonisten für das Reich im Osten

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Gemeinsam gegen den Bolschewismus: Deutsches Rekrutierungsplakat für die Norwegische Legion im Russland-Feldzug Bild: Bridgeman

Als Deutschland am 22. Juni 1941 die Sowjetunion überfiel, begann ein Vernichtungsfeldzug. Dass einige tausend norwegische Soldaten am Krieg teilnahmen, ist wenig bekannt. So wie die Pläne der Nazis mit ihnen.

          Herr Emberland, wie wurde in Norwegen, das ja in erster Linie Opfer der deutschen Aggression war, nach dem Krieg über diese Männer geredet?

          Nach dem Ende der deutschen Besatzung 1945 wurden Gerichtsverfahren gegen die norwegischen Kollaborateure abgehalten, dabei wurden auch diejenigen bestraft, die als SS-Freiwillige für Deutschland gekämpft hatten. Allerdings war das Wissen, das die Gerichte damals über den Krieg im Osten besaßen, äußerst begrenzt. Und selbst dort, wo die Männer von ihren Einsätzen erzählten, ging es nicht um die Taten an sich. Es mangelte an gerichtsfesten Beweisen. So wurden die Männer am Ende nur wegen Landesverrats, der Mitgliedschaft in der Waffen-SS und für das verurteilt, was sie vor oder nach ihrem Fronteinsatz im besetzten Norwegen getan hatten.

          Von wie vielen norwegischen SS-Freiwilligen reden wir?

          Von etwa fünftausend. Sie kämpften zum Beispiel in der Division Wiking, die am „Unternehmen Barbarossa“ teilnahm, oder in der Freiwilligen-Legion, die später vor Leningrad kämpfte. Was genau sie in diesen Jahren taten, wissen wir erst seit wenigen Jahren. Aber das war ja in Deutschland bis vor etwa zwei Jahrzehnten nicht anders. Das Interesse an den norwegischen SS-Freiwilligen war eine Reaktion auf die Forschungen und Debatten zu den deutschen Kriegsverbrechen im Osten. Es führte dazu, dass die norwegische Regierung im Jahr 2005 einen entsprechenden Recherche-Auftrag erteilte.

          Fünftausend Freiwillige. Das klingt nicht sonderlich hoch. Wieso sind die Norweger trotzdem für das Gesamtbild des Krieges relevant?

          Die Zahl der norwegischen Freiwilligen ist tatsächlich recht klein – setzt man sie in ein Verhältnis zur Bevölkerungsgröße, ist sie sogar kleiner als die Freiwilligen-zahl anderer okkupierter Länder. Aber es geht nicht um Zahlen und erst recht nicht um militärische Erfahrung.

          Worum geht es dann?

          Entscheidend ist die Symbolik, die mit dem norwegischen Einsatz verbunden war. Heinrich Himmler war so stark an norwegischen Freiwilligen interessiert, dass er, der sogenannte „Reichsführer SS“, im Januar, Februar und Mai 1941 mehr als zwanzig Tage im Norden verbrachte. Die norwegischen Freiwilligen sollten eine wesentliche Rolle beim Aufbau einer rassistischen, von den Vorstellungen eines Hans F. K. Günther und Richard Walther Darré geprägten Herrschaft spielen.

          In Norwegen, das 1940 von deutschen Truppen besetzt worden war?

          In Norwegen, aber auch darüber hinaus. Es war für das Gesamtprojekt wichtig, norwegische Freiwillige, die nordische „Creme de la Creme“, wenn man so will, vorweisen zu können. Himmler hatte schon 1932 von einer skandinavischen, ausgesprochen „nordischen“ Legion geträumt. 1938 bezeichnete er die SS als „pangermanische“ Organisation. Der „SS-Staat“ brauchte Norweger. Nur erwies sich die Rekrutierung dann als viel schwieriger denn erwartet, obwohl es in Norwegen von deutschen SS-Leuten nur so wimmelte: Ende 1941 gab es im „Reichskommissariat Norwegen“ 30 000 deutsche SS-Männer. Der Einfluss der SS auf Norwegen war außergewöhnlich groß, weil Norwegen in einen SS-Staat verwandelt werden sollte, der später wiederum im „Großgermanischen Reich“ aufgehen sollte.

          Woher rührten die Schwierigkeiten?

          Himmler liebte und idealisierte die Norweger, aber die Norweger liebten ihn nicht. Selbst bei den fünf- bis achthundert Norwegern, die er vor dem „Unternehmen Barbarossa“ für die SS gewinnen konnte, beschränkte sich die Begeisterung mit Blick auf die „pangermanische“ Vision auf Lippenbekenntnisse. Die meisten waren Mitglieder der norwegischen Faschistenpartei „Nasjonal Samling“ und als solche eher nationalistisch gesinnt. Der Zulauf wurde erst größer, nachdem im Sommer 1941 eine dezidiert norwegische Einheit, „Den norske Legion“, gegründet und der Druck der SS in Norwegen größer wurde.

          Vielleicht lag das auch daran, dass nun der Krieg gegen Russland begonnen hatte? Welche Rolle spielte der Antikommunismus bei der Rekrutierung?

          Der Antikommunismus gehört zum nationalsozialistischen Weltbild. Ich glaube aber, dass er von den Veteranen während des Kalten Krieges bewusst überbetont worden ist. Die ersten norwegischen Freiwilligen wurden rekrutiert, als der Molotow-Ribbentrop-Pakt noch galt. Sie wollten die „jüdischen Plutokraten in England“ bekämpfen.

          Belagerung von Leningrad: Zwei Soldaten der Norwegischen Legion beim Sonnenbad

          Fest steht, dass Norweger am Angriff auf die Sowjetunion teilnahmen.

          Himmler achtete zunächst darauf, dass sie den verschiedensten Einheiten zugeteilt wurden. Er wollte die pangermanische Verschmelzung demonstrieren. Die Norweger nahmen ebenso an der Invasion teil wie an den Kriegsverbrechen, ob das nun die Erschießung von Juden oder andere Massaker waren. Sie waren genauso involviert wie deutsche Kämpfer auch. Einige von ihnen erzählten sogar heimischen Lokalzeitungen von ihren Taten, bevor die Zensur dies unterband.

          Wurden die Norweger auch in den Vernichtungslagern im Osten eingesetzt?

          Das scheint nur sehr bedingt der Fall gewesen zu sein, weil es nicht zentral für Himmlers Projekt war. Aber sicherlich zirkulierten auch einige dieser Norweger durch das SS-System, so wie es die Forschung auch für einige Dänen nachgewiesen hat.

          Was erhofften sich die norwegischen SS-Kämpfer?

          Ihnen wurde ein Bauernhof im Osten versprochen. Himmler, der ja auch „Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums“ war, ging es um Kolonisierung und Germanisierung. Und für diese Aufgabe schienen ihm, um das noch einmal aus Sicht der SS-Ideologie zu beschreiben, die Norweger als „edle“ Germanen und Nachfahren der Wikinger besonders geeignet zu sein. Sie sollten nicht nur die Elite im neuen SS-Staat Norwegen werden – sondern eine Zeitlang auch „Wehrbauern“ im Osten. Das ist eine Seite des Vernichtungskrieges, über die man lange nicht gesprochen hat: die rassistische Vision für die Zeit nach dem Krieg. Es ist ja auch schwierig, darüber zu reden.

          Wie lange dauerte es, bis der Glaube an solche Versprechungen implodierte?

          Eigentlich war es ein Fiasko. Einige Norweger reagierten schon bei der Ausbildung empfindlich auf den harschen Ton, der von ihren deutschen Ausbildern angeschlagen wurde. Sie waren den verlangten Kadavergehorsam und preußischen Drill nicht gewohnt. Davon schrieben sie auch ihren Familien. Himmler wurde rasend vor Wut, als er es erfuhr.

          Weil er um den propagandistischen Wertverlust fürchtete.

          Ja, Himmler ließ die deutsche Offiziere anweisen, tunlichst respektvoll mit den norwegischen SS-Freiwilligen umzugehen. Aber das verhinderte die Desillusionierung natürlich nicht. Viele Freiwillige empörte, was sie an der Front erlebten. Ich würde sagen, viele der norwegischen Freiwilligen wurden früher oder später desillusioniert. Aber es gab natürlich auch Norweger, die an der Ideologie festhielten. Und viele von ihnen hinterließen, ungeachtet ihrer Einstellung gegenüber deutschen Vorgesetzten, eine blutige Spur. Einige von ihnen kämpften bis zuletzt – in den Straßen von Berlin.

          Haben die desillusionierten Kämpfer nach dem Krieg über das Erlebte gesprochen?

          Nach außen hin gab es einen „Pakt des Schweigens“. Ich möchte sogar annehmen, dass über die Verbrechen nicht einmal bei den Veteranentreffen geredet wurde, die es gab und die für eine gewisse Vernetzung der Ehemaligen sorgten. Wenn sie vom Krieg erzählten, bewegte sich das innerhalb eines eher verharmlosenden Narrativs, das sich herausbildete.

          Weibliche Angehörige einer norwegischen Freiwilligen-Legion werden vereidigt

          Haben Sie den Kontakt zu diesen Männern aufzunehmen versucht?

          Ja, ich habe mit einigen Männern gesprochen, deren Taten ganz eindeutig in den Quellen dokumentiert sind. Einige Veteranen riefen auch mich an, um mir hinter vorgehaltener Hand zu erklären, sie hätten die Morde der deutschen Einsatztruppen mit eigenen Augen gesehen. Sobald ich sie dann auf ihre eigene Rolle ansprach, behaupteten sie, alles vergessen zu haben. Was stimmen mag, wenn man Untersuchungen zur Traumabewältigung glaubt. Oder eben auch nicht.

          Wie hat die norwegische Öffentlichkeit auf Ihre Forschungen reagiert?

          Es dauerte eine Weile, bis der Mythos, die norwegischen Freiwilligen seien an den Verbrechen nicht beteiligt gewesen, verblasste, und natürlich sträubten sich auch die Veteranen dagegen. Wer noch lebte, hatte Angst, durch unsere Forschungen wieder vor Gericht gezogen zu werden. Aber darum geht es Historikern nicht, uns geht es um eine Rekonstruktion des Geschehens. Seit der Veröffentlichung unserer Forschungsergebnisse 2012 ist es um das Thema ruhiger geworden. 2013 hat ein Beteiligter sogar im Fernsehen von den Verbrechen an der Ostfront geredet. Jeder in Norwegen weiß heute, dass es – neben vielen deutschen Tätern, muss man sagen – auch einige Norweger gab, die nach dem Angriff auf die Sowjetunion schlimme Verbrechen begingen.

          Welchen Wert haben Ihre Recherchen für den deutschen Blick auf den „Russland-Feldzug“?

          Die Forschungslage zum Geschehen an der Ostfront ist mittlerweile sehr detailreich und beeindruckend. Wir haben bei unserem Projekt stark von deutschen Forschungen profitiert. Vielleicht kann das von uns beschriebene kleine norwegische Kapitel dieses Vernichtungskrieges dazu beitragen, die Utopien klarer zu begreifen, mit denen der Krieg im Osten verbunden war – die Bildung eines großgermanischen Reiches. Was natürlich nichts, aber auch gar nichts entschuldigen soll. Es geht darum, als Historiker die innere Logik der Ideologie zu verstehen, einschließlich der Idealisierung der „nordischen Rasse“. Wir müssen uns mit den Motiven hinter den Verbrechen befassen, so wie Kriminalisten sich mit dem Gedankengerüst eines Serienkillers auseinanderzusetzen haben.

          Terje Emberland ist leitender Wissenschaftler am Zentrum für Studien über den Holocaust und religiöse Minderheiten in Oslo.

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