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Russische Massengräber : Tapfere Soldaten statt Volksfeinde

Sandarmoch: 1939 wurden hier mehr als 10.000 Menschen hingerichtet, angeblich sollen an gleicher Stelle die Überreste sowjetische Soldaten gefunden worden sein. Bild: Friedrich Schmidt

Gedenkstätten für Opfer von stalinistischem Terror gibt es in Russland einige. Jetzt sucht die „Militärhistorische Gesellschaft“ dort nach Überresten im Weltkrieg getöteter Rotarmisten: eine Umdeutung.

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          Das russische Kulturministerium und die mit ihm alliierte Russische Militärhistorische Gesellschaft arbeiten hartnäckig daran, Gedenkstätten für die Opfer der sowjetischen Geheimpolizei patriotisch und staatstragend umzudeuten. Die gegenwärtige Ausstellung an der Gedenkstätte von Katyn, westlich von Smolensk, wo 1940 mehr als viertausend polnische Militärangehörige vom Geheimdienst NKWD umgebracht wurden, präsentiert dieses Verbrechen als Rache Stalins für die in den Bürgerkriegsjahren 1919 bis 1921 von Polen gefangen genommenen Rotarmisten.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die von der Militärhistorischen Gesellschaft konzipierte Schau erwähnt das Geheimprotokoll des Molotow-Ribbentrop-Paktes nicht, ebenso wenig wie den Warschauer Aufstand. Bei einer anderen Gedenkstätte in Mednoje nahe Twer, wo ebenfalls polnische Kriegsgefangene, aber auch sowjetische Terroropfer begraben liegen, wollen patriotische Kriegsarchäologen unterdessen Überreste von Rotarmisten gefunden haben, die im Zweiten Weltkrieg dort in einem Militärhospital starben.

          Das Staatsfernsehen brachte unlängst eine Reportage über die Weltkriegssoldaten Sergej Kuwajew und Fjodor Bespalow, die angeblich im Boden der Gedenkstätte von Mednoje ruhen. Freilich befindet sich zwei Kilometer von der Gedenkstätte entfernt ein offizielles Soldatengrab, wo laut der Akten des Verteidigungsministeriums auch Kuwajew und Bespalow liegen, merkt die Zeitung „Nowaja gaseta“ an. Doch das Ziel der Kampagne ist offensichtlich, dem Terroropferdenkmal eine andere Bedeutung unterzuschieben.

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          Dem Entdecker von Sandarmoch wird der Prozess gemacht

          Auch in der karelischen Gedenkstätte Sandarmoch, einem Massengrab von Opfern der Terrorjahre 1938 bis 1939, fanden im August zum wiederholten Mal Grabungen der Militärhistorischen Gesellschaft statt, die beweisen will, dass dort bis zu fünfhundert Rotarmisten begraben liegen, die im Zweiten Weltkrieg von Finnen gefangen genommen und erschossen wurden. Die Militärhistorische Gesellschaft war der Bitte des geschäftsführenden Kulturministers von Karelien, Sergej Solowjow, gefolgt, der sich besorgt gab, die „Spekulationen“ um die Ereignisse von Sandarmoch fügten dem internationalen Image Russlands Schaden zu und impften dem Bewusstsein seiner Bürger ein unbegründetes Schuldgefühl gegenüber angeblich umgebrachten Vertretern anderer Staaten ein.

          In Sandarmoch wurden Karelier, Arbeiter des Weißmeerkanals und Häftlinge des Solowezki-Lagers, darunter auch ukrainische Intellektuelle, hingerichtet, insgesamt etwa 10.000 Menschen. Die von der sowjetischen Staatssicherheit geheim gehaltene Grabstätte war Ende der neunziger Jahre von dem Historiker Juri Dmitriew entdeckt worden. Regelmäßig finden dort Gedenkveranstaltungen statt. Nachkommen der Opfer haben Denkmäler und Namenstafeln aufgestellt. Dmitriew wies mehrfach darauf hin, dass die Kriegsverbrechen, die Finnen an gefangenen Sowjets verübten, erforscht und die finnischen Archive offen seien. Doch die Militärhistorische Gesellschaft lässt die von ihr ausgegrabenen Überreste von sechzehn Menschen jetzt von Kriminalfahndern untersuchen. Gegen den inhaftierten Dmitriew läuft ein offensichtlich inszeniertes Kriminalverfahren wegen sexueller Gewalthandlungen an seiner Adoptivtochter.

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