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Presse in Afghanisten : Es trifft jeden, der für die Meinungsfreiheit eintritt

Ende Januar, nahe Kabul: Ein Mitarbeiter des Senders Tolo TV, der bei dem Bombenanschlag der Taliban starb, wird beerdigt. Bild: AFP

In Afghanistan greifen Taliban gezielt Reporter an. Mehr als hundert Journalisten sind allein im vergangenen Jahr ins Ausland geflüchtet. Haben die freien Medien noch eine Chance?

          Genau einen Monat ist es her, dass ein Selbstmordattentäter sich in der afghanischen Hauptstadt Kabul neben einem Bus mit Mitarbeitern des Fernsehsenders Tolo in die Luft sprengte. Er tötete acht junge Leute, die für ein modernes weltoffenes Afghanistan standen, wie es sich in Nischen größerer Städte seit dem Sturz der Taliban vor vierzehn Jahren entwickelt hat. Es war der folgenschwerste Angriff in der noch jungen Geschichte der freien Medien in Afghanistan, deren rasante Entwicklung zu den wenigen Erfolgen der internationalen Intervention gehört.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          „Der Anschlag hat uns und die gesamte Medienbranche völlig unerwartet getroffen“, sagt Lotfullah Najafizada, der Direktor des Nachrichtenkanals Tolo News. Seither debattieren Journalistenverbände, Aufsichtsbehörden und die wichtigsten Medienhäuser, was das Attentat für die künftige Entwicklung der Medien bedeutet: „Ist das ein Angriff auf die Pressefreiheit? Können die Taliban sie nicht länger tolerieren? Wird Afghanistan sie beibehalten können, wenn es zu einer Friedenslösung mit den Taliban kommt?“, fragt Najafizada. Zum jetzigen Zeitpunkt sei man sich einig: „Niemand außer uns selbst wird für die afghanischen Medien die Agenda setzen. Wir werden nichts an der Art und Weise ändern, wie wir arbeiten“, sagt Najafizada. Und fügt dann doch etwas leiser und weniger kämpferisch hinzu: „Aber ich bin mir nicht sicher, ob diese Position langfristig haltbar ist, wenn die Bedrohung weitergeht. Was ist, wenn nächste Woche noch ein Anschlag passiert und danach noch einer?“

          Viele Überlebende kündigen ihren Job

          Auch personell hat der Anschlag die Medienhäuser erschüttert. In Kabul heißt es, bei einer der afghanischen Nachrichtenagenturen hätten innerhalb des vergangenen Monats 25 von hundert Mitarbeitern gekündigt. Bei der Moby-Afghanistan-Gruppe, dem Mutterhaus von Tolo, das mit mehr als achthundert Mitarbeitern zu den größten Arbeitgebern des Landes zählt, kündigten dagegen nur zehn bis fünfzehn Mitarbeiter. „Für uns ist das eine Frage des Respekts“, sagt Najafizada. „Wir haben Kollegen und Freunde verloren. Wie können wir die Opfer, die sie brachten, in Ehren halten?“

          Es war ein Anschlag mit Ansage: Im Oktober 2015 hatte die Militärkommission der Taliban die Fernsehsender Tolo TV und TV eins zu „militärischen Zielen“ erklärt und ihre Mitarbeiter zum Abschuss freigegeben. Es war das erste Mal, dass die Taliban, zumal ein so hohes Gremium wie die Militärkommission, ganzen Medienhäusern in Afghanistan den Kampf erklärte. Die Taliban werfen den „satanischen Sendern“ vor, im Dienste der „Ungläubigen“ deren „intellektuelle, kulturelle und von falschen Informationen getriebene Invasion“ zu betreiben. Unter anderem mokierten sie sich über Programme, die „Obszönität und Unzucht propagieren“, womit vermutlich Sendungen wie das Erfolgsformat „Afghan Star“ gemeint sind; vergleichbar mit „Deutschland sucht den Superstar“.

          Islamisten verkraften die Wahrheit nicht

          Als besonders verwerflich aber hoben die Islamisten Berichte Tolos und von TV eins über angebliche sexuelle Übergriffe der Taliban auf Frauen in Kundus nach der zwischenzeitlichen Eroberung der Stadt im Herbst 2015 hervor. Spätere Recherchen der Vereinten Nationen konnten die Vorwürfe, die in den Berichten erhoben wurden, nicht erhärten. Sie trafen aber einen Nerv der Aufständischen, denn der neue Talibanführer Akhtar Mansour hatte der Bevölkerung von Kundus unmittelbar nach dem Einmarsch seiner Kämpfer versichert, dass diese sich untadelig benehmen würden. Offensichtlich war ihm daran gelegen, die Eroberung von Kundus für einen Propaganda-Coup zu nutzen. Tatsächlich aber wollten oder konnten die Taliban nicht alle an der Besatzung der Stadt beteiligten bewaffneten Kräfte disziplinieren. Es gab Gewalt bis hin zu Morden, Plünderungen und Brandschatzungen.

          Geraubt wurde übrigens auch die technische Ausrüstung mehrerer Radiosender in Kundus. Die Direktorin des Frauenhörfunksenders Radio Zohra, Najia Khudayar, sagte, es sei nicht klar, ob Talibankämpfer ihr Studio geplündert hätten oder gewöhnliche Kriminelle, die das Chaos in der Stadt ausnutzten. Und obwohl es nach der Eroberung Berichte gab, dass die Taliban gezielt nach Journalisten - neben Mitarbeitern von Regierung und Hilfsorganisationen - gesucht hätten, seien inzwischen alle ihre Mitarbeiterinnen wieder bei der Arbeit.

          „Niemand außer uns selbst wird für die afghanischen Medien die Agenda setzen. Wir werden nichts an der Art und Weise ändern, wie wir arbeiten“, sagt der Chefredakteur von Tolo TV, Lotfullah Najafizada.

          Vereinzelte Übergriffe hat es immer gegeben, Drohanrufe gehören zum Alltag afghanischer Journalisten - nicht nur von Seiten der Taliban. Auch von lokalen Machthabern und selbst ranghohen Regierungsangehörigen gehen regelmäßig Drohungen und Gewalt gegen Medienschaffende aus. Dennoch gibt es mit 75 Fernsehsendern und 175 Radiosendern noch immer eine lebendige Medienlandschaft in Afghanistan, deren finanzielle Mittel allerdings rasant schwinden. Das aber, was am 20. Januar in Kabul geschah, stellt eine neue Dimension der Bedrohung dar.

          Schon im vergangenen Jahr haben nach Recherchen der Nachrichtenagentur Pajhwok mehr als hundert afghanische Journalisten führender Medienhäuser das Land verlassen, um im Ausland Asyl zu beantragen. Einer von ihnen ist Haji Abdul Haq Balkhi, ein früherer Ansager und Kameramann von Tolo aus Masar-i-Scharif, der seit vier Monaten in einer Kaserne im niedersächsischen Visselhövede untergebracht ist. Er sei eines Nachts auf dem Weg nach Hause von Unbekannten überfallen und krankenhausreif geschlagen worden - als Warnung. Geschichten wie seine gibt es viele, und sie sind eine Erinnerung daran, dass die Journalisten in den Provinzen häufig unter noch prekäreren Bedingungen arbeiten, ohne dass über sie berichtet wird. „Betroffen sind alle“, sagt Balkhi, „die sich für Meinungsfreiheit einsetzen.“

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