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Wittenberg und die Reformation : Wie Luther seine Stadt auf Linie brachte

Farbglasfenster aus dem Jahre 1911 von Eduard Stritt zeigt Reformator Martin Luther umgeben von seinen Förderern, den sächsischen Kurfürsten Friedrich der Weise (l.) und dessen Bruder Johann der Beständige. Bild: dpa

Hier war man damals stolz auf einen Stachel aus der Dornenkrone Jesu: Eine Tagung über die Anfänge der Reformation in Wittenberg trennt geschichtlich Gesichertes von protestantischer Verdichtung.

          Wie lutherisch war die Wittenberger Reformation? Irene Dingel, Kirchenhistorikerin am Leibniz-Institut für Europäische Geschichte in Mainz, verwahrt sich gegen zwei Übertreibungen im Vorfeld des Reformationsgedenkens 2017: auf der einen Seite eine abermalige Heroisierung Luthers, auf der anderen Seite die Zurücknahme des Reformators bis dahin, dass man seine herausragende Rolle in der Reformationsbewegung übersieht.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Auf einer in der Leucorea-Stiftung durchgeführten Wittenberger Tagung über die Anfänge der Reformation zeigte Dingel Verständnis dafür, dass die derzeitige Propagierung der „Marke Luther“ Skepsis gegen die Personenzentrierung nährt. Doch der Ehrgeiz, „den vermeintlich wahren Luther hinter einer ahistorischen Kunstfigur zu entlarven“, gehöre seinerseits auf den Prüfstein historischer Angemessenheit. Zumal kürzlich auch der britische Reformationshistoriker Andrew Pettegree die „Marke Luther“ im Blick auf die Buchproduktion des 16. Jahrhunderts als historische Kategorie bestätigt habe. Anders gesagt: Luther funktionierte unter diversen Gesichtspunkten schon zeitgenössisch als Marke und nicht erst für die späteren Verwertungsinteressen der Jubiläen.

          „Lutherisch“ ist keine Konfession

          Worauf es Dingel ankommt: ähnlich wie in anderen reformatorischen Zentren (Zürich, Straßburg oder Genf) war die Reformation in Wittenberg nicht das Werk eines einzelnen, sondern verdankte sich in ihrer Durchsetzungskraft und langfristigen Wirkung dem Zusammenspiel verschiedener Akteure. Selbst wenn Luther auch innerreformatorisch scharfe Abgrenzungen vornahm, so war doch das, was später das Lutherische dauerhaft vom Melanchthonischen oder Calvinisch-Calvinistischen schied, „zu Anfang noch Teil des reformatorischen Gesamtimpulses“ (Dingel).

          Die Konfessionalisierung griff eben erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts durch, auch in Wittenberg ist eine lange vorkonfessionelle Phase von einer konfessionell sich verfestigenden zu unterscheiden. „Lutherisch“ war darum zunächst ein personen- und gruppenbezogener Begriff, kein konfessioneller. Wenn Luther selbst die Bezeichnungen „Lutherani“ und „Wittenbergenses“ synonym verwendete, wie man kürzlich herausfand, dann würden damit laut Dingel zwei personenbezogene Bezeichnungen parallelisiert, aber (noch) keine konfessionsbezogenen. Was freilich nicht ausschließt, dass sich Luther gleich nach seiner Verketzerung durch Rom auch selbst in die hussitische Ketzertradition stellte, wie Thomas Kaufmann in seinem Standardwerk über den „Anfang der Reformation“ zeigt. Man wird also schwerlich sagen können, Luther habe nicht gewusst, wie ihm geschah, als er seitens Rom für eine eigene Lehre und nicht nur als unbotmäßige Person beansprucht wurde.

          Wittenberg als „altgläubiger“ Kultort

          Gerade um den „zu schnell und zu unkritisch“ (Dingel) verallgemeinernden Großbegriffen zu entkommen, setzte die Tagung einen gelungenen Akzent auf die Untersuchung Wittenbergs als reformatorisches Mikromilieu. Und zwar von der örtlichen Meteorologie (Uwe Schirmer, Jena) übers Zusammenleben Luthers mit seinen klösterlichen Mitbrüdern (Enno Bünz, Leipzig) bis hin zur örtlichen Reformation in Augenzeugenberichten (Mirko Gutjahr, Wittenberg).

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