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Tagung über Habermas : Elektrisierende Lektüre im Zug nach Frankfurt

  • -Aktualisiert am

Jürgen Habermas mit (sitzend, von links) Theodor W. Adorno, Hans-Jürgen Krahl und K.D. Wolff bei einer Diskussionsrunde anlässlich der Frankfurter Buchmesse 1968. Bild: Barbara Klemm

Auf einer ihm gewidmeten Tagung in Tutzing erzählte Jürgen Habermas von Denkanstößen durch seinen Lehrer Theodor W. Adorno.

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          Er habe nur ein „normales philosophisches Buch“ schreiben wollen, sagt Jürgen Habermas. Damit will er nicht mit falscher Bescheidenheit sein monumentales, mehr als 1700 Seiten dickes Alterswerk „Auch eine Geschichte der Philosophie“ (F.A.Z. vom 9. November 2019) kleinreden. Vielmehr drückt er so seine Überraschung darüber aus, wie sehr sich die Rezeption der beiden vor zwei Jahren erschienenen Bände bislang um die Frage dreht, was von Religion und Metaphysik heute noch zu retten sei. Dass darauf gerade auch ausgenüchterte Philosophieprofessoren insistierten, könne auf Gemütsbedürfnisse ­hindeuten, die von den eingeschärften akademischen Argumentationsformen nicht mehr eingeholt würden, vermutet der Autor.

          So reagiert Habermas in seinen Schlussworten auf eine Tagung an der Evangelischen Akademie Tutzing, auf der Schüler und Weggefährten sein jüngstes Buch gewürdigt haben. Mit pointierten Stellungnahmen und konzisen Repliken zeigte sich der Philosoph auch im Alter von 92 Jahren äußerst diskussionsfreudig und intellektuell agil. In Anerkennung für sein Lebenswerk wurde ihm während der Tagung der „Tutzinger Löwe“ verliehen, mit dem sich Habermas aus langjähriger Verbundenheit mit dem malerisch am Starnberger See gelegenen Haus auszeichnen ließ, obwohl er eigentlich keine Preise mehr annehme.

          Was trauen wir Philosophie noch zu?

          Angesichts etlicher Vorträge, die nach der sozialen Bindekraft religiöser Riten in säkularen Gegenwartsgesellschaften fragten (Thomas Schmidt) oder seiner Luther-Interpretation auf den philologischen Zahn fühlten (Micha Brumlik), legte Habermas Wert auf die Klarstellung, dass er ein „religiös unmusikalischer“ Denker geblieben sei. Er habe den Eindruck, das Buch aus anderen Motiven geschrieben zu haben, als bisher in dessen Diskussion hervorgetreten sei. Habermas charakterisierte seine Anliegen als „immanent philosophische“. Davon abgesehen, dass er ein Bild der Philosophiegeschichte berichtigen wollte, in dem das scheinbar „dunkle Mittelalter“ und die es beschäftigenden Probleme im Verhältnis von Glauben und Wissen noch nicht den gebührenden Platz einnehmen, habe er mit seiner drei Jahrtausende umfassenden Philosophiegeschichte „Tendenzen der Verengung und Spezialisierung des Faches performativ kritisieren“ wollen, dessen Abstraktionsniveau oft keinen Bezug mehr zu „maßgebenden Fragen“ erkennen lasse.

          Ausdrücklich distanzierte sich Habermas damit auch von seinem eigenen, auf dem Hegel-Kongress 1981 vorgetragenem Verständnis der Philosophie als „Platzhalter“, wonach sie als Produzent substanzieller Fragestellungen unersetzlich sei, die Antworten aber den Wissenschaften überlassen müsse. Demgegenüber wollte er im aktuellen Werk einen anspruchsvollen Begriff der Philosophie erneuern, der sie nicht nur auf Begriffsanalyse oder wissenschaftliche Zubringertätigkeiten beschränkt, sondern in ihr Beiträge zu einer „rationalen Welt- und Selbstverständigung“ sieht. Eine solche Philosophie führe das Projekt der Aufklärung weiter, indem sie „Menschheitsfragen“ aufnimmt und dadurch an der „Beförderung vernünftiger Lebensverhältnisse“ mitwirkt.

          Die „okzidentale Konstellation von Glauben und Wissen“ habe er im Buch nur deshalb zum zentralen Motiv erhoben, weil sich die „Frage, was sich die Philosophie noch zutrauen kann und soll“, daran entscheide, wie sie sich zum „transformierten Erbe religiöser Herkunft“ verhält, wie es im Vorwort heißt – einem Erbe, das in Gestalt von Kant und den deutschen Idealisten allerdings längst Philosophie geworden ist. Die Angewiesenheit der Philosophie auf die Religion, der Moderne auf den tradierten Ritus, die dem Buch zuweilen entnommen wurde, wollte Habermas eingeschränkt wissen: Der Abschied von der Metaphysik entlocke ihm keine Träne, gesellschaftliche Probleme müssten heute selbstverständlich „kraft allein praktischer Vernunft“ gelöst werden.

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