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Syrische Spione in Berlin : Assad sieht dich

Überwacht: Eingang der syrischen Botschaft in Berlin Bild: dapd

Syrische Spione spähen in Berlin Oppositionelle aus. Je mehr das Regime unter Druck gerät, desto dreister gehen sie vor.

          Manchmal muss tatsächlich erst die Polizei kommen, damit sich kurz der Vorhang lüftet zu einer Welt, die man eigentlich im Kino verortet hat. Vergessen Sie alles, was Sie von Geheimagenten wussten. Vergessen Sie Sean Connery, Timothy Dalton, Roger Moore, Pierce Brosnan und Daniel Craig. Vergessen Sie auch die Bücher von John Le Carré. Der arabische Frühling hat die Welt auf den Kopf gestellt, nun bringt er auch unser kulturelles Koordinatensystem durcheinander. Er räumt auf mit der romantisierten Vorstellung, dass Geheimagenten immer auf der Seite des Guten stehen. In Syrien ist der Geheimdienst gleichbedeutend mit Assad. Dass der Druck auf den wächst, bekommen auch die etwa 30 000 in Deutschland lebenden Syrer zu spüren. Seit dieser Woche ist sicher, dass der Arm von Assads Schergen auch sie erreicht.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Viel hat die Staatsanwaltschaft bisher nicht über die zwei syrischen Spione verlauten lassen, die Anfang dieser Woche in Berlin aufgeflogen und verhaftet worden sind. Der eine, 47 Jahre alt, ist Deutsch-Libanese. Der andere, 34 Jahre alt, war Botschaftsangestellter. Fest steht, dass sie Syrer, die sich von hier aus für die Revolution engagieren, ausspionierten. Stellvertretend für die Oppositionellen in Deutschland werden in Syrien deren Familien terrorisiert. Die Überwachung hat System.

          Schon 2010, Monate bevor die Revolution überhaupt begonnen hatte, stellte der Verfassungsschutz fest, dass der syrische Geheimdienst seine Aktivität hier ausbauen will. Im Dezember wurde Ferhad Ahma, Grünen-Politiker und Mitglied des Syrischen Nationalrats, nachts in seiner Wohnung in Berlin überfallen - Ahma glaubt, dass die Männer Schergen des Geheimdienstes waren. Offenbar nehmen die Syrer die deutschen Behörden so wenig ernst, dass sie auf Fingerspitzengefühl verzichten. Dieser Eindruck verstärkt sich, wenn man sich unter den syrischen Oppositionellen umhört. Einschüchterungsversuche sind für sie so selbstverständlich wie für andere Menschen morgens ihr Nutella-Brot. Sie leben in einer Welt aus Angst und Verfolgung, von der man nicht ahnte, dass sie hier existiert.

          Was alle sehen können, geht auf sein Konto

          Nein, er verlasse sein Haus nicht, das sei zu riskant, auch zu Demonstrationen gehe er nur noch selten, hatte Tamer Al-Awam am Telefon gesagt, als ich ihn anrief, um mich mit ihm in einem Café zu verabreden. Die Adresse, die er dann nennt, ist ein schäbiges Haus in einem Viertel weit weg von den Orten, an denen die Berliner Republik über das Schicksal Syriens berät. Tamer Al-Awam kam vor knapp einem Jahr nach Berlin, er ist Theater-, Filmemacher und Journalist. Man kann sagen, er ist ein Auge der Revolution, vielleicht sogar ihr wichtigstes.
          Mord und Entführung

          Das Assad-Regime will verschleiern, was im Land geschieht, hindert Reporter an der Einreise. Doch Leute wie Al-Awam haben Wege gefunden, dass dennoch Bilder an die Öffentlichkeit kommen. Die meisten Filme, die es im Internet über die Gewalt gibt, gehen auf sein Konto. Viele Beiträge, die in den Nachrichten laufen, auch. Als er noch in Syrien war, drehte er sie selbst. Jetzt schicken ihm Verbündete ihr Material per E-Mail, Al-Awam leitet es an die Presse weiter. Das Regime Assad hasst ihn dafür.

          Al-Awam schaut durch das Fenster, dann erst öffnet er die Tür; ein schmaler Mann Mitte dreißig, der älter aussieht, als er ist. Er zieht die Vorhänge wieder zu. Niemand soll sehen, was in der Wohnung vor sich geht. Im Halbdunkeln steht ein Tisch mit Stühlen, ein Sofa, davor ein Aschenbecher und Al-Awams aufgeklappter Laptop. Er ist sein Lebensmittelpunkt; Facebook und Skype sind seine Waffen in dieser Revolution. Al-Awam ist 24 Stunden am Tag online. Gerade hat ihm ein Freund aus Homs geschrieben. Die Lage ist katastrophal.

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